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Rubrik: ETH-Debatte

ETH-Debatte: Governance
Forscher als domestizierte Anarchisten

Published: 05.03.2007 06:00
Modified: 06.03.2007 15:26
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Von Dieter Imboden (1)

Ich bin überzeugt: Zutiefst in ihrem Denken sind die meisten Forscher ein Stück weit Anarchisten. Ein Anarchist akzeptiert keine Macht, die auf Strukturen basiert, welche vom Staat, von der Wirtschaft, der Kirche oder der eigenen Hochschule geschaffen worden sind. 'Macht’ – d.h. Wertschätzung und Ansehen – darf einzig auf der persönlichen geistigen Leistung beruhen: Der gute Wissenschaftler als Anarchist des Geistes! – Anarchist muss er sein, gilt es doch fortwährend und immer wieder neu und radikal in Frage zu stellen, was andere erforscht und erkannt zu haben glauben, unabhängig davon, ob diese anderen wissenschaftliche Königinnen oder Knappen sind, ob sie Maria Curie oder Benjamin Unbekannt heissen.

Soweit das Ideal. Doch wirkliche Anarchisten, welche immer wieder Horizonte überschreiten und Unruhe ins System bringen, sind selten. Das Gebäude der Wissenschaft wird von uns 'Gewöhnlichen’ verwaltet und gefestigt, die wir längst, wie nützliche Haustiere, domestiziert und angepasst sind. Umso stärker überkommt uns manchmal die Sehnsucht nach der geistigen Freiheit, besonders dann, wenn von Hierarchien, Strukturen und Vorschriften die Rede ist, und manchmal – viel zu selten – probieren wir sie auch aus, unsere anarchistische Seele, und prüfen, ob sie noch funktioniert.

Von der Wildnis auf die Weide

Nach dem Galopp durch die freie Natur kehrt der Anarchist gerne auf die umzäunte Weide zurück, weil das Domestiziertsein durchaus seinen Nutzen und tieferen Sinn hat, erstens für das Wissenschaftssystem selbst und zweitens für das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. – Reden wir zuerst vom innerwissenschaftlichen Sinn.

Der rasante Fortschritt unseres Wissens der letzten 300 Jahren wäre undenkbar ohne das Prinzip der Wissensakkumulation. Jeder erfolgreiche Forscher steht bekanntlich auf den Schultern früherer Forscher; denn der bei Null beginnende Gelehrte, und hiesse er auch Newton, hat heute kaum mehr eine Chance. Die Organisation und Weitergabe von Wissen stellt eine gewaltige Machtstruktur dar, auf welche sich die Gesellschaft verlässt. Dies wiederum verpflichtet die geistigen Anarchisten, nun ihrerseits Regeln aufzustellen, um das Wissensgebäude rein zu halten sowie Scharlatane und Betrüger fernzuhalten. Dazu braucht es überprüfbare Erkennungsmerkmale, zum Beispiel akademische Titel, welche ihrerseits aufgrund von Prüfungen erteilt werden. Und schon sind die Anarchisten selbst zu Ordnungshütern geworden, auch wenn sie das Prüfen und Notengeben eigentlich hassen.

Geben und Nehmen

Die Schaffung und Bewahrung der Autorität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft entspricht zwar primär einem Anspruch an uns selbst, aber zugleich macht sich die Wissenschaft dadurch der Gesellschaft erst nützlich – auch ökonomisch. Die Gesellschaft wiederum belohnt die Wissenschaft mit einem grosszügigen Geschenk, nämlich mit Wertschätzung und – wichtiger noch – mit finanziellen staatlichen Zuwendungen, deren Grösse in den letzten fünfzig Jahren in vielen Ländern stärker gewachsen ist als viele andere Aufgaben des Staates. Die Forschung ist längst zu einem respektablen staatlichen Betrieb geworden.

Wo Geld im Spiel ist, stösst das anarchistische Prinzip an seine Grenzen. – Das Rind bezahlt die Futtersicherheit mit einem Zaun. Geld und Wissen bedeuten Macht, und diese verlangt nach Regulation. Die Hochschulen der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts, als – ausser in den Naturwissenschaften – Professoren kaum mehr als ihr persönliches Salär erhielten und ihr Büro zu Hause einrichteten, liessen sich noch mit einem winzigen Mitarbeiterstab und einem jedes Jahr wechselnden Rektor leiten. In den Siebziger- und Achtzigerjahren zog die professionelle Verwaltung auch in die Hochschulen ein. Man mag diesen Schritt bedauern, aber einen Weg zurück gibt es nicht: Zu teuer ist die gesamte Infrastruktur geworden, ohne die Forschung heute nicht mehr möglich ist – mit Ausnahme von ein paar wenigen reinen Denkdisziplinen, welche ihre 'Unschuld’ zu bewahren vermochten.

Die richtige Grenze

Aber Zäune können auch zu eng gezogen sein. Beim Haustier schreitet dann der Tierschutz ein. Wo aber liegt die richtige Grenze zwischen produktiver Anarchie und überbordender Organisation? – Man kann sich ihr mittels dreier Prinzipien annähern: (1) Leute vor Strukturen; (2) Kontinuität und Flexibilität; (3) Subsidiarität.

(1) Eine Hochschule verdankt ihre Qualität den Personen, welche an ihr tätig sind. Dem Auswahlprozess für Professorinnen und Professoren kommt höchste Bedeutung zu. Gute Leute werden von guten Leuten erkannt, von internen, aber auch von solchen mit einer Aussensicht. Die sind wichtig. Der Präsident überwacht diesen Prozess und greift höchstens in Notsituationen ein. Strukturen mögen allenfalls für eine Autofabrik eine Rolle spielen, aber für eine Wissensfabrik mit kreativen Anarchisten wird die Rolle von Strukturen enorm überschätzt, auch an der ETH, und zwar in allen Lagern. Ich weiss, es ist ein Tabu: Aber es spielt keine Rolle, wer den Präsidenten oder den Rektor wählt, so lange die Wählenden dazu qualifiziert sind. Unser letzter Präsident ist nicht an den geplanten Strukturen gescheitert (siehe unten).

Die richtigen Leute, Kontinuität und Subsidiarität: Dies sind laut Dieter Imboden, ETH-Professor für Umweltphysik und Nationalfonds-Präsident, die wichtigsten Ingredienzien für eine erfolgreiche Hochschule. (Bild: David Werer, unicom Media)

(2) Für einen nachhaltigen Erfolg in der Forschung, gar für einen Nobelpreis, bedarf es viele Jahre kontinuierlicher und zugleich flexibler Anstrengungen. Kontinuierlich bedeutet: Die Bedingungen an der Mutterinstitution müssen langatmig sein. Wer einmal für gut befunden worden ist, soll seine Kreativität nicht ständig neu beweisen müssen. Die ETH verdankt ihre Qualität und ihren Ruf einer soliden Sockelfinanzierung. Sie bildet das Fundament für eine gute Forschung und gibt den Forschenden jene Flexibilität, die es erlaubt, auf überraschende Resultate zu reagieren sowie neue Ideen auszuprobieren, ohne diese gleich Juroren einer Forschungskommission vorsetzen zu müssen. Wird Forschung nur noch über Drittmittel finanziert, fördern wir die Streamline-Forschung, aber nicht die Kreativität. Der Nationalfonds soll dazu beitragen, Erfolgreiches weiter voranzubringen und Schwerpunkte an den Hochschulen zu schaffen; die Grundfinanzierung kann er nicht ersetzen.

(3) Die politischen Strukturen der Schweiz basieren auf dem Subsidiaritätsprinzip: Alles wird auf der tiefst möglichen Ebene entschieden; von dort wandert es nach oben. 'Bottom-up’ heisst dies neudeutsch. Anarchisten organisieren sich – wenn überhaupt – selbst, nicht von oben. Natürlich gibt es Unterfangen, bei denen das nicht reicht, z.B. beim CERN oder bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, aber solche Fälle identifizieren die Beteiligten selbst am besten. Auch bei den erfolgreichen Grossprojekten, nicht den politischen top-down Totgeburten, kamen die Impulse von unten, zum Beispiel bei den Nationalen Forschungsschwerpunkten (NCCR). Wir haben heute an der ETH viel zu viele Projektverbände, welche nur auf dem Papier funktionieren und die Kreativität der Anarchisten lähmen. Ich frage mich, ob es eine psychologische Erklärung gibt für das Phänomen, dass gute Forscher, kaum sind sie in den oberen Etagen des Forschungssystem angekommen, die Erinnerung an ihre eigene anarchistisch-subsidiäre Vergangenheit zu vergessen scheinen.

Wo die ETH handeln muss

Wo steht die ETH heute? – Bei den Personen (Punkt 1) sehr gut, bei der Kontinuität (Punkt 2) noch gut, mit rasch abnehmender Tendenz, doch beim Subsidiaritätsprinzip besteht Handlungsbedarf: Die bottom-up Kanäle sind verstopft, das Sorgentelefon bei der Schulleitung wurde nicht abgenommen, und beim ETH-Rat hat man den Klingelton überhört, bis er schliesslich so laut wurde, dass auch Gehörschutz nichts mehr nützte. Im Leiterlispiel würde man sagen: Zurück auf Feld 1. Haben wir bessere Chancen, als erneut drauf los zu würfeln und dann auf den günstigen Zufall zu hoffen? – Ich denke schon. Der Motor ist intakt, Blechschaden lässt sich reparieren, aber der neue Fahrer oder die neue Fahrerin müsste den Fahrstil überdenken und wieder daran glauben, dass die Anarchisten hinten auf der Ladebrücke, die man einst vertrauensvoll aufgeladen hatte, durchaus Exzellentes – um dieses Schlüsselwort wenigstens einmal zu gebrauchen – zu leisten im Stande sind, auch in den bestehenden Strukturen. Und diejenigen auf der Ladebrücke sollten ihren kreativen Spielraum wieder vermehrt ausschöpfen. Denn wie gesagt, auf die Menschen kommt es an, nicht auf die Organigramme.

References:
Zu weiteren Beiträgen der ETH-Debatte in "ETH Life": www.ethlife.ethz.ch/articles/ETHdebatte/

Footnotes:
(1) Dieter Imboden ist seit 1988 ordentlicher ETH-Professor für Umweltphysik. Er gehört zu den Gründern der Abteilung für Umweltnaturwissenschaften der ETH Zürich, die er von 1992 bis 1996 leitete. Seit 2005 ist Imboden Präsident des 95 Mitglieder zählenden Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und damit Chef der wichtigsten wissenschaftlichen Förderungsinstanz des Landes.


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