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Publiziert: 22.11.2001 06:00

An der ETH wird der Entscheid des Buwal nicht verstanden
Eine Ohrfeige für die Forschung

Das Buwal lehnte am Mittwoch das Gesuch der ETH für einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen ab. Dieser Entscheid löste nicht nur Freude, sondern auch Enttäuschung und Frustration - nicht nur beim Gesuchsteller, sondern vor allem bei Forschenden der ETH wie auch bei der Eidgenössischen Fachkommission für Bio-Sicherheit aus. Hauke Hennecke, Präsident der Forschungskommission der ETH Zürich, spricht sogar von einem mutlosen Entscheid.

Von Regina Schwendener

Am Dienstag gab das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) seinen lange erwarteten Entscheid bekannt: das Gesuch des Instituts für Pflanzenwissenschaften für einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen wird nicht bewilligt (1).

Im Unterschied zum Buwal hatten alle anderen involvierten Bundesämter (Bundesamt für Gesundheit, Bundesamt für Landwirtschaft, Bundesamt für Veterinärwesen), die Eidgenössische Fachkommission für biologische Sicherheit und die Eidgenössische Ethikkommission für die Gentechnik im ausserhumanen Bereich das Experiment befürwortet. Der Buwal-Entscheid freut hingegen Pro Natura, Greenpeace und WWF. Das Amt habe der Zwängerei der Gentechforscher standgehalten und ein völlig unnötiges Freilandexperiment abgelehnt, schreibt Pro Natura in einer Mitteilung. Gleicher Meinung ist die Stiftung für Konsumentenschutz. Die Konsumierenden wollten zudem eine ökologisch und naturnahe Schweizer Landwirtschaft, die ohne Gentechnologie auskomme, teilte sie mit.

Die ETH sieht im Entscheid dagegen ein sehr ungünstiges Signal für den Forschungsstandort Schweiz und seine Konkurrenzfähigkeit. Gesuchsteller Christof Sautter vom Institut für Pflanzenwissenschaften ärgert sich über die Begründung der Ablehnung. Die Antibiotikaresistenz werde erst seit kurzem öffentlich so stark diskutiert. "Da reichen einige spitze Äusserungen - auch wenn sie ungerechtfertigt sind - um ein ganzes Forschungsgebiet in Verruf zu bringen", sagt Christof Sautter. Die Forschung hinke dem hinterher, denn "für die Herstellung einer transgenen Pflanze braucht es drei Jahre".

Kommission sagt ja, Buwal nein

Drei Mitglieder, inklusive Präsident Riccardo Wittek, werden beim Bundesrat ihren Rücktritt aus der Eidgenössischen Fachkommission für Bio-Sicherheit einreichen. Wittek begründet diesen Schritt: "Wir haben dem Buwal in unserer Funktion als beratende - sehr heterogen zusammengesetzte - Kommission in unserer Stellungnahme zum Freisetzungsversuch mitgeteilt, dass die biologische Sicherheit gegeben ist. Das Buwal hat sich über unseren Entscheid - wie übrigens schon bei den zwei vorhergehenden Entscheiden - hinweggesetzt und die Ablehnung des Versuchs mit mangelnder Bio-Sicherheit begründet."

In der Aussage "Der Buwal-Entscheid desavouiert den Mehrheitsentscheid der Fachkommission" sind sich Wittek und Professorin Geneviève Défago, Vizepräsidentin der Fachkommission und Professorin am Institut für Pflanzenwissenschaften, einig. ETH-Professorin Défago ist zudem erstaunt: "Es handelt sich hier nicht um ein transgenes, sondern um ein mathematisches Problem: Wenn der Bund zum Beispiel tonnenweise die Einfuhr von Mais mit Antibiotikaresistenzgenen für Nahrung und Futtermittel erlaubt, anderseits acht Quadratmeter Pflanzen mit Antibiotikaresistenzgenen als untragbares Risiko taxiert, fehlt diesem Entscheid die notwendige Logik."

Buwal verschweigt vieles

Professor Wilhelm Gruissem vom Institut für Pflanzenwissenschaften, zerpflückt die Argumente des Buwal-Direktors und stellt fest: "Die Wissenschaftler sind bestürzt: die Begründung des Buwal ist wissenschaftlich nicht haltbar und kommt einem politischen Moratorium gleich, dass wichtige Grundlagenforschung zunichte macht." Es würden Argumente benützt, die wissenschaftlich nicht fundiert und zum Teil irreführend seien.

"Die Information über das KP4-Protein ist ungenügend." - Verschwiegen werde laut Gruissem, dass das KP4-Protein Teil eines natürlichen und biologischen Abwehrmechanismus ist, welcher in Brandpilzen vorkommt. Ein solcher Pilz befällt zum Beispiel Maispflanzen - und in einigen Ländern der Welt wird dieser Pilz als Delikatesse von den Menschen verspeist. Es gibt keine Hinweise, dass das KP4-Protein für den Menschen oder Nutztiere schädlich ist. Die vom Buwal bemängelte "fehlende" Information sei vorhanden und habe dem Antrag beigelegen; für die Beurteilung der Biosicherheit sei sie aber nicht von grosser Bedeutung.

"Die Weizenpflanzen haben ein Antibiotikaresistenzgen." - Diese Aussage sei richtig. Es werde aber verschwiegen, dass die Entwicklung der Pflanzen für den Grundlagenversuch viele Jahre in Anspruch genommen hat. Um Pflanzen ohne das Antibiotikaresistenzen für das Freilandexperiment einzusetzen, hätte dies den Versuch, abgesehen von den Kosten, um drei bis vier Jahre zurückgeworfen. Das Buwal verschweige zudem, dass Millionen von Bakterien in einem Häufchen Bodenerde bereits Antibiotikaresistenzen besitzen. "Da ein Transfer von Antibiotikaresistenzgenen von Pflanzen auf Bakterien in der Natur bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden konnte, kann im Rahmen des Grundlagenversuchs ein solches Risiko praktisch ausgeschlossen werden", betont Wilhelm Gruissem. Verschwiegen würde weiter, dass Stinkbrand in der Schweiz mit Chemikalien bekämpft wird. Gruissem: "Selbst wenn dies für die Schweiz ausreichend ist, wird in vielen Ländern - insbesondere Entwicklungsländern - auch heute noch ein grosser Teil der Weizenernte von Brandpilzen bedroht." Das Buwal verhindere mit seiner Entscheidung, dass internationale Spitzenforschung effektiv betrieben werden könne, um den Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft zu verringern.


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gentech reaktionen
Das Buwal verhinderte, dass Christof Sautter auf diesen acht Quadratmetern transgenen Weizen anpflanzen durfte. gross

Das Experiment ist sicher!

Das Bundesamt-Argument: "Das Experiment ist nicht sicher genug" verschweige, dass alle Sicherheitsaspekte des Grundlagenexperiments vielfach getestet wurden. Selbst ein Zelt, welches Pollenflug effektiv verhindert, wurde ausgiebig im Windkanal getestet. Das Buwal schreibe, dass "eine Naht gerissen wäre", verschweige aber, dass dies erst nach einer Stunde bei 120 km/h Windgeschwindigkeit geschah. Die Forscher hätten das Zelt danach mit einer Doppelnaht ausgerüstet.

Professor Gruissem ist überzeugt: "Mit seiner Entscheidungs- und Informationspolitik versetzt das Buwal der Schweizer Spitzenforschung einen schweren Schlag. Die ökonomischen, wissenschaftspolitischen und internationalen Konsequenzen sind noch nicht abschätzbar. Es ist aber bereits jetzt klar, dass das die Qualität der Spitzenforschung in der Schweiz auf internationaler Ebene beeinträchtigt." Damit sei auch die Weiterentwicklung von modernen biologischen Abwehrmechanismen in Pflanzen für eine nachhaltige Landwirtschaft weitgehend in Frage gestellt. Für die Forschenden sei wichtig, dass Grundlagenforschung sicher und ethisch vertretbar ist. Sie begrüssen ebenfalls eine breite Kontrolle in der Forschung mit gentechnisch veränderten Organismen, wehren sich aber gegen eine grobe Irreführung der Bevölkerung durch eine Bundesbehörde, die zweifelhafte und wissenschaftlich nicht haltbare Argumente benutzt und durch ein politisch begründetes Moratorium wichtige Grundlagenforschung verhindert.

Politik kontra Forschung - das ist frustrierend

Hauke Hennecke, Präsident der ETH-Forschungskommission ist persönlich vom Buwal-Entscheid enttäuscht und begründet dies: "Weil es ein mutloser Entscheid ist." Die Ängstlichkeit vor der Kritik der öffentlichen Meinung dürfte seiner Meinung nach bei der Entscheidungsfindung eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Ist dieser Entscheid ein Signal, ein Ohrfeige für die Forschung oder als Einzelfall anzusehen? - Es sei das erklärte Ziel der ETH-Forscher gewesen, einen sachlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit von Freisetzungsversuchen zu liefern. Sie hätten damit eine Pionierrolle in der internationalen Auseinandersetzung zu diesem Thema spielen können - unabhängig davon, welches Ergebnis der Versuch gebracht hätte, so Hennecke und er bilanziert: "Dass eine politische Organisation, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, nun den Forschern die Möglichkeit nimmt, diese entweder zu belegen oder zu widerlegen, ist frustrierend."

Ist Gentechnik-Forschung im Bereich der Pflanzenwissenschaften in der Schweiz künftig überhaupt noch möglich? - Die Welt der international renommierten pflanzenwissenschaftlichen Forschung an der ETH und an anderen schweizerischen Institutionen gehe wegen des Buwal-Entscheides nicht unter, denkt Hauke Hennecke, wendet aber ein : "Ich könnte mir aber vorstellen, dass man sich als Reaktion darauf in Zukunft wieder verstärkt der Erforschung von Grundlagen zuwendet und es anderen Ländern überlässt, zukunftsträchtige Ergebnisse für eine allfällige Umsetzung in die Praxis zu prüfen."

Entscheid wissenschaftlich unhaltbar

Roland Bilang ehemaliger ETH-Angehöriger und heute Geschäftsführer von "InterNutrition" - Schweizerischer Arbeitskreis für Forschung und Ernährung - engagiert sich für einen offenen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gründenden Dialog über die Bio- und Gentechnologie im Lebensmittelbereich. Offiziell gibt der Arbeitskreis seine Besorgnis über den Entscheid zum Ausdruck: Dieser setzte ein negatives Signal für die moderne Pflanzenforschung in der Schweiz. Die Arbeitsgruppe werde sich mit der Begründung auseinandersetzen und ausführlich dazu Stellung nehmen. Bilang unterstreicht im Gespräch, dass die Begründung wissenschaftlich unhaltbar sei und hält auf einer etwas persönlicheren Ebene fest: "Als Steuerzahler und Bürger bin ich schockiert über die Unverfrorenheit, mit der ein einziges Amt ein von der öffentlichen Hand finanziertes, langjähriges und erfolgreich verlaufendes Projekt als unnötig und schlecht abkanzelt. Als langjähriger Mitarbeiter von Christof Sautter stimmt es mich traurig zu erfahren, in welch beschämender und skandalöser Weise das Buwal mit ihm als Persönlichkeit und Vetreter unserer wissenschaftlichen Elite umgesprungen ist."

Die NZZ kommentierte in ihrer gestrigen Ausgabe: "Hätte Roch (Philippe Roch ist Direktor des Buwal) also grundsätzlich nichts gegen die Forschung einzuwenden, so hätte er das Gesuch unter strengen Auflagen bewilligen können. Damit hätte er zumindest seinen Willen gegenüber staatlicher Forschung gezeigt."

Und der TagesAnzeiger brachte es auf den Punkt: "Entscheidend sind die Ängste in der Bevölkerung vor Lebewesen mit verändertem Erbgut, die Sautters Vorhaben verhindern. Dass diese politisch mehr Gewicht haben als wissenschaftliche Überlegungen, werden Forscher in ihrem eigenen Interesse jetzt vermehrt ins Kalkül einbeziehen. Schweizerinnen und Schweizer sollten deshalb erkennen, dass Angst kein Motor für die wissenschaftlich-technische Entwicklung sein kann. Der Wille zum kontrollierten Risiko ist nötig, um den innovativen Geist des Landes am Leben zu erhalten. Sonst wandert die Forschung in jene Länder ab, wo es die besseren Bedingungen schon heute gibt."


Literaturhinweise:
Medieninformation der ETH Zürich: "ETH bedauert Entscheid des Buwal":www.cc.ethz.ch/medieninfo/
BUWAL-Medienmitteilungen: "Schadenpotenzial nicht abschätzbar":www.umwelt-schweiz.ch
ETH Life-Bericht vom 5.3.2001 "Das BUWAL hat es in der Hand": www.ethlife.ethz.ch/tages/show/BUWALEntscheide.html
ETH Life-Bericht vom 22.2.2001 "Fakten statt Spektakel":www.ethlife.ethz.ch/tages/show/FreilandversuchStin.html

Fussnoten:
(1) Vgl. ETH-Life Artikel "Aus für Gentech-Versuch der ETH ": www.ethlife.ethz.ch/tages/show/GentechFreisetzunga.html



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