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Rubrik: Interview der Woche

Interview der Woche: Schutz vor Blitz und Hagel dank ETH-Radar und Warnung per SMS
Der Tornado-Jäger

Published: 20.04.2001 06:00
Modified: 07.05.2001 08:41
druckbefehl
Auch die Schweiz bleibt nicht von Wirbelstürmen verschont. Dank einem ETH-Forscher und seinem Meteo-Radar auf dem ETH-Dach gibt es aber immerhin Gewitter- und Hagelwarnungen per SMS. Auch die Katastrophe im Saxetbach mit 21 Toten hätte durch eine Gewitterwarnung per SMS vermieden werden können, betont der Tornado-Forscher Willi Schmid im Interview mit ETH Life.



Mit Willi Schmid sprach Jakob Lindenmeyer (www.jakob.lindenmeyer.ch/)

Kasten (#bild) Herr Schmid, hoffen Sie auf morgen Samstag für Ihre Besichtigung (siehe ) auf stürmisches Tornado-Wetter, um den Besuchern auch etwas bieten zu können?

Auf keinen Fall! Bei Blitz und Donner müssen die Führungen aufs HPP-Dach der ETH-Hönggerberg gestoppt werden (siehe Bild (#bild) ). Die Vorhersage verspricht aber interessantes Radar-Aprilwetter.

Wann und wo herrscht in der Schweiz Tornado-Gefahr?

Am ehesten an heissen Sommertagen im Jura und in der Nordschweiz.

Warum sind der Jura und die Nordschweiz besonders gefährlich?

Überall, wo es Schauer oder Gewitter gibt, können auch Tornados entstehen. Jura und Nordschweiz sind einfach besonders gewitterreiche Gebiete. Das gilt natürlich auch für die Voralpen, dort sind Tornados wegen anderer Strömungsbedingungen aber seltener.

Wasserhose _bodensee
Auch in der Schweiz gibt es Tornados: Eine Wasserhose auf dem Bodensee.

Warum ist der Bevölkerung nicht bewusst, dass es auch in der Schweiz Tornados gibt?

Durch das hügelige Gelände bleiben in der Schweiz viele Tornadoereignisse unentdeckt. Auch sind Tornados bei uns seltener als in den USA.

Wie kann man sich in der Schweiz gegen Tornados schützen?

Am sichersten ist ein Schutzraum unter dem Erdboden.

Gibt es bei Ihnen ein Tornado-"Warn-Abo", um zu wissen, WANN man in den Keller muss?

Spezifische "Tornado"-Warn-Abos per SMS bieten wir noch nicht an. Aber im "Gewitter- und Hagelschutz"-Abo sind die Tornados eigentlich mit inbegriffen...

Tage 2001-04-20 Schmid
Willi Schmid, der Tornado-Jäger der ETH: "Durch eine rechtzeitige Warnung per SMS hätte das Canyoning-Unglück im Saxetbach verhindert werden können."


Zur Person von Willi Schmid

Der 51-jährige Tornado-Forscher Willi Schmid ist ein Pionier auf dem Gebiet der kurzfristigen Wetterprognosen. Zurzeit arbeitet er noch zu 80% am Labor für Atmosphärenphysik der ETH (LAPETH), wo er 1988 über "Hagelvorhersage per Radar" doktorierte. Im April 1999 gründete er die ETH Spin-Off-Firma "MeteoRadar Schmid", die heute vier Personen beschäftigt. Seine Firma liefert unter anderem Niederschlagsrisiko-Vorhersagen sowie individuelle Überwachungs- und Warnsysteme für Regen, Hagel und Schnee. Demnächst soll eine Blitz-Warnung per SMS oder E-Mail angeboten werden.


Was genau verkauft Ihre Spin-Off-Firma?

Wir verkaufen Produkte des COTREC/RainCast-Verfahrens, welches an der ETH entwickelt wurde und Anlass zur Firmengründung war. Das sind kurzfristige Wetter-Vorhersagen und Warnungen im Zeitbereich von null bis zwei Stunden über Regen, Starkregen, Hagel, Hochwassergefahr und im Winter auch über Schneefall, Schnee- und Eisglättegefahr. Ab nächstem Frühling bieten wir zudem eine Blitz-Warnung an.

Radarbild
Schmid: "Das ETH-Radarbild zeigt auf einer Karte wo es regnet, schneit oder hagelt." Beim Draufklicken aufs Bild bewegt sich die Gewitterfront.


Das Meteo-Radar der ETH

Das 200'000-fränkige ETH-Radar dient primär der Forschung. Schmids Spin-Off-Firma kauft für ihre Prognosen Radarbilder und Messdaten bei der MeteoSchweiz ein. Das ETH-Radar dient der Spin-Off-Firma aber als Reserve-System, wenn das Albis-Radar der MeteoSchweiz ausfällt, oder die Datenlieferung unterbrochen ist.

Zur Analyse von Gewittern sendet das Radar ein elektromagnetisches Signal aus, welches an Regen, Schnee oder Hagel gestreut wird. Ein Teil des gestreuten Signals wird wieder empfangen. Aus der Zeitverzögerung kann die Distanz der Wolke zum Radar bestimmt werden. Mit dem Doppler-Effekt, also der Frequenzverschiebung des empfangenen Signals im Vergleich zum ausgesandten Signal lässt sich zusätzlich die Geschwindigkeit der Wolke berechnen.


Tornado_jura
Der Jura wird in der Schweiz am stärksten von Tornados heimgesucht. Das Bild von P. Kälin zeigt den Tornado vom 10. Juli 1995 bei La Chaux-de-Fonds.

Zur geplanten Blitz-Warnung: Werden in der Schweiz denn überhaupt noch Menschen vom Blitz erschlagen?

Leider schon. Jedes Jahr sterben rund 5 Personen. Im Vergleich zu anderen Ländern mit hoher Gewitterdichte, beispielsweise den USA, ist das eindeutig zu viel!

Was kostet Ihr Schutz vor Blitz und Hagel?

Ein Grundabonnement per SMS kostet 40 Franken pro Monat. Internet-Abonnemente sind etwas teurer.

Kann Ihre Spin-Off-Firma bei derart tiefen Abonnementspreisen überleben?

Wegen der hohen Investitionskosten sind schwarze Zahlen zur Zeit noch nicht möglich. Die finanzielle Lage ist jedoch gesund und nicht vergleichbar mit anderen Firmen, welche in jüngster Vergangenheit für negative Schlagzeilen gesorgt haben.

Wer sind denn die Kunden Ihrer Firma?

Die wichtigsten Kunden sind Warn- und Überwachungsdienste von Grossbetrieben wie die kantonalen Strassenämter, REGA, Swissair und die SBB. Kleinkunden haben wir noch wenige.

Wozu verwenden die Kunden Ihre Prognosen?

Die Vorhersagen werden beispielsweise zur kurzfristigen Planung der Schneeräumung von Strassen oder der Enteisung von Flugzeugen verwendet. Über das aktuelle Hagelrisiko wollen sich vor allem Kunden aus der Landwirtschaft informieren.

Was sind Ihre zukünftigen Ausbaupläne?

Die Produktepalette wird weiter ausgebaut beispielsweise für Blitz und Sturm. Zudem planen wir, auch im Ausland tätig zu werden. Wir haben auch ein Projekt zur Kombination mit aktuellen Zeit- und Positionsdaten übers Handy, wie bei der Radarfallen- und Stauwarnung per SMS. In Zukunft werden unsere Kunden also automatisch per SMS informiert, wenn in ihrer Nähe Hagel- oder Eisgefahr herrscht.

Wie präzis sind Ihre Radarbilder?

Es gibt verschiedene Ursachen für Störungen oder Fehler. Beispielsweise detektiert das Radar im Hochsommer Insektenschwärme als Regen. Auch ergeben sich in grosser Entfernung von der ETH Verzerrungen. Jedoch konnte trotz einer Distanz von über 100 Kilometer zur ETH das folgenschwere Unfall-Gewitter über dem Saxetbach von unserem Radar gut erfasst werden. (siehe Bild unten)

Hätten die 21 Menschenleben des tragischen Canyoning-Unglücks im Saxetbach am 27. Juli 1999 , durch Ihren Hochwasser-Warndienst gerettet werden können?

Ja, das Ungück hätte durch eine rechtzeitig erfolgte Warnmeldung verhindert werden können. Dadurch wäre den Canyoning-Teilnehmern per SMS mitgeteilt worden, dass sich ein Gewitter mit Starkniederschlag dem Einzugsgebiet des Saxetbachs nähert.

Saxetbach
Das folgenschwere Gewitter, das sich über dem Saxetbach zusammenbraute, war im ETH-Radarbild in der Mitte unten (blau) gut sichtbar. Eine rechtzeitige Warnung per SMS hätte 21 Menschenleben gerettet.

Wie spüren Sie die Tornados auf? Jagen Sie den Wirbelstürmen wie die Forscher im Hollywood-Film "Twister" mit dem Geländewagen hinterher?

Wir können auf eine zunehmende Zahl von informierten und interessierten Tornado-Beobachtern zählen. Die Radarmessungen können Beobachtungen "von Auge" weiter erhärten. Im letzten Sommer konnte ich selbst einen kleinen "Twister" beobachten und in der Schlussphase sogar auf Video bannen. Für Tornado-Tipps habe ich immer ein offenes Ohr.

Was können Sie den Besuchern bei Schönwetter bieten?

Eine tolle Sicht auf die Stadt und in die Berge. Und natürlich eine ungestörte Besichtigung der Radar-Anlage.

Tage 2001-04-20 HPP-Turm
Die ETH-Radaranlage auf dem HPP-Turm der ETH Hönggerberg. Die oberste Kugel (Pfeil) enthält Schmids Meteoradar.


Tag der offenen Tür beim Meteo-Radar der ETH

Aus Anlass des zweijährigen Jubiläums der ETH Spin-Off-Firma "MeteoRadar" findet morgen Samstag, 21. April, von 10 bis 16 Uhr auf dem Hönggerberg ein Tag der offenen Tür in der Atmosphärenphysik der ETH statt. Während den halbstündigen Führungen können die Radaranlagen der ETH auf dem HPP-Turm besichtigt werden. Da die Teilnehmerzahl beschränkt ist, sollten Interessierte sich übers Web voranmelden. Als Begleitprogramm gibt es Ausstellungen, Präsentationen, Aufführungen, Verpflegung und einen Wettbewerb. Wer den Umfang der Radarkugel auf dem ETH-Dach (siehe Bild oben) richtig einschätzt, kann ein "tolles Wochenende in Locarno" gewinnen, samt Besichtigung des Tessiner Observatoriums.

Weitere Informationen zum Tag der offenen Tür beim Meteo-Radar an der ETH-Hönggerberg unter: www.meteoradar.ch/Opendoor.html


References:
Die Radar-Seite der ETH mit dem jeweils neusten Radarbild rund um Zürich: www.radar.ethz.ch

Footnotes:
(1) Tages-Anzeiger-Berichte über das Canyoning-Unglück im Saxetbach am 27. Juli 1999: tages-anzeiger.ch/archiv/99juli/990729/index.hintergrund.htm (http://tages-anzeiger.ch/archiv/99juli/990729/index.hintergrund.htm)
(2) "Warnmeldung auf dem Pager": Tages-Anzeiger-Bericht über den MeteoRadar und das Canyoning-Unglück: www.smd.ch/cgi-bin/ta/smd_dok.cgi?RA1999073000848


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