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Rubrik: Tagesberichte

Heidi Wunderli-Allenspach als erste Frau in der Schulleitung
„Zuversichtlich, etwas bewegen zu können“

Published: 05.07.2007 06:00
Modified: 10.07.2007 07:52
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Heute hat der ETH-Rat die von der Professorenschaft als neue Rektorin nominierte Pharmazie-Professorin Heidi Wunderli-Allenspach zum neuen ETH-Schulleitungsmitglied gewählt. Damit hat es erstmals überhaupt eine Frau in die Schulleitung geschafft. Pionierin zu sein, ist für die Naturwissenschaftlerin keine neue Erfahrung, wie sie im Gespräch mit"ETH Life" erklärt. Zu den Schwerpunkten nach ihrem Amtsantritt am 1. September zählt Heidi Wunderli die Konsolidierung der Bologna-Reform und die Entwicklung einer sinnvollen ETH Graduate School.



Interview: Norbert Staub (mailto:norbert.staub@sl.ethz.ch)

Frau Wunderli, herzliche Gratulation zur Wahl als Rektorin der ETH – was macht für Sie den Reiz dieser Funktion aus?

Ehrlich gesagt hätte ich vor zwei, drei Jahren nie daran gedacht, dass dies für mich in Frage kommt, denn ich fühlte und fühle mich sehr wohl in meiner Tätigkeit als ETH-Professorin für Biopharmazie. Nun gab es im Jahr 2006 bekanntlich viel Bewegung an der ETH, die zum Rücktritt von Präsident Ernst Hafen führte. Als Vorsteherin des Departements Chemie und Angewandte Biowissenschaften war ich nah am Geschehen. Und da ich meine Meinung immer auch artikuliere, nahm mein Bekanntheitsgrad im Professoren-Kollegium zu. In dieser Phase zeigte sich für mich einmal mehr, wie viel Qualität und konstruktives Engagement in unserer Professorenschaft steckt und welch grosser Reichtum an Persönlichkeiten sich hier versammelt. Ich meine das nicht nur auf Forschung und Lehre bezogen, sondern auch auf die Momente, in denen es schwierig wird. Nach dieser Erfahrung habe ich mir gesagt: Ich kann mir vorstellen, in der Leitung der ETH mitzuarbeiten. Meine Nomination durch die Professorenschaft mit zwei Dritteln der Stimmen macht mich zuversichtlich, dass ich in dieser Funktion etwas bewegen kann.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Rektorin?

Es geht mir grundsätzlich um das Setzen sinnvoller Leitplanken und um das Ermöglichen guter Lösungen für den Bereich Lehre. Mit der Frage, was in ein gutes Lehrprogramm gehört und was nicht, habe ich mich schon ab dem Jahr 2000 intensiv beschäftigt - bei der Erneuerung unseres Studiengangs Pharmazeutische Wissenschaften. Die Umsetzung der Bologna-Reform war für uns damals nur noch ein kleiner Schritt.

Werden Sie auf die Schweiz bezogen zu einem ähnlichen Bologna-„Motor“ werden wie der Rektor und derzeitige Präsident Konrad Osterwalder?

Ich habe mich immer stark für die Studienreform engagiert: Die Umsetzung ist an der ETH nun ausgezeichnet aufgegleist. Meine Aufgabe wird es sein, diesen Prozess zu begleiten, zu konsolidieren und zu justieren. So sollten wir die Zahl der neuen Masterstudiengänge nicht ausufern lassen – ein „anything goes“ ist nicht möglich. Eine Inflation von Titeln ist zu vermeiden und auch die Kosten sind im Auge zu behalten. Es gibt Master, die relativ kostenneutral gestaltet werden können. Andere sind sehr aufwendig. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich hier den Masterstudiengang in Pharmazeutischen Wissenschaften nennen. Vertiefungssemester, Masterarbeit und Assistenzjahr sind nicht nur für die Studierenden sehr anforderungsreich, sondern auch punkto Organisation und Finanzen.

Wo werden Sie weitere Schwerpunkte setzen?

Sicher ist die ETH Graduate School der zweite grosse Entwicklungsbereich. Allein im D-CHAB haben wir heute 420 Doktorierende, Tendenz steigend. Ich finde, der bisherige Weg, um den Doktortitel zu erwerben, sollte weiterhin offen sein. Hierbei sucht sich ein zukünftiger Doktorand für sein Projekt autonom eine Professorin oder einen Professor. Daneben aber wollen wir der Forschung die Möglichkeit bieten, via Ausschreibung und Interviews mit Kandidaten gezielt Doktoranden zu rekrutieren. Bei alledem muss der Betreuung ein besonderes Augenmerk geschenkt werden. Wir müssen generell sicherstellen, dass die Doktorierenden gut in eine Gruppe und in ein Institut integriert sind und sich wohl fühlen. Es war aber schon immer so, dass dies an den einen Orten besser geklappt hat als an anderen – aus verschiedenen Gründen. Kurz: Es braucht wie so oft an der ETH auch hier eine differenzierte Herangehensweise.

In Ihren Verantwortungsbereich fallen auch die ETH-Bibliothek, die Weiterbildung, das Lehrzentrum…

... Ja, das sind grosse Gebiete, die ich jetzt aus neuer Perspektive kennenlerne und in die ich mich teilweise auch noch einarbeiten muss. Das Didaktikzentrum zum Beispiel hat mit der Road Map eine ausgezeichnete Standortbestimmung gemacht. Diese wird für mich u.a. eine Grundlage für die Zukunft sein.

Haben Sie bereits mit Ihrer „Hauptzielgruppe“ gesprochen, mit den Studierenden?

Ja. Es ist für mich essenziell, mit den Studierenden in einem sehr engen Kontakt und ständigen Dialog zu stehen und damit zu wissen, was sie bewegt. Die Zusammenarbeit mit dem Verband der Studierenden VSETH hat sich sehr gut etabliert. Deren Vorschläge etwa zur neuen Terminierung der Prüfungssessionen waren sehr sinnvoll und nützlich.

Sie sind seit über 20 Jahren Professorin an der ETH. Was hat sich in dieser Zeit bezüglich der Lehre verändert?

Die grössten Veränderungen hat wohl der Computer herbeigeführt. Mit all den Vorteilen – etwa den Möglichkeiten des E-Learning – aber auch den Problemen, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Denken Sie an die Leichtigkeit, mit welcher Leistungen heute dank Copy/Paste vorgetäuscht werden können. Es ist im Vergleich zur Schreibmaschinen-Ära schwieriger geworden, originäres Denken zu erkennen. Aber ich glaube, dass sich die Ingredienzien für den guten Hochschulunterricht nicht grundsätzlich verändert haben. Nach wie vor können starke, engagierte Lehrpersönlichkeiten, die etwas zu sagen und zu präsentieren haben, über 300 Studierende in einem Raum mitreissen. Und dies mit dem viel geschmähten Frontalunterricht und ohne die neusten Errungenschaften der Präsentationstechnik.

Von der ordentlichen Professur für Biopharmazie zur Rektorin der ETH: Heidi Wunderli-Allenspach.

Wer nun von Kleingruppenunterricht als Gebot der Stunde spricht, muss realisieren, dass dies schon aus Qualitäts- und Kostengründen nicht der einzige Weg sein kann. Ausgezeichnete Lehre ist und bleibt eine gute Mischung von Übungen, Laborkursen und Vorlesungen. Zwei ETH-spezifische Neuerungen möchte ich noch erwähnen: Einerseits das Programm SiROP, das speziell motivierte Studierende in einem sehr frühen Stadium aktiv an die Forschung heranführt und so die Lernerfahrung dieser Studentinnen und Studenten um ein zentrales Element erweitert. Und andererseits die starke Öffnung der ETH-Lehre gegenüber der Praxis. Es ist heute möglich, seinen Master oder Doktor in enger Kooperation mit der Industrie zu machen und damit auch Erfahrungen zu sammeln.

Sie waren 1986 die erste Assistenzprofessorin an der ETH, Sie waren 1992 die zweite ausserordentliche Professorin überhaupt, die es hier gab und sind jetzt die erste Frau in der Schulleitung. Hatten Sie mit Ihrem Status der Pionierin nicht auch mal Mühe?

Nein. Ich habe mich schon als Biologie-Studentin, wir waren 25 bis 30 Prozent Frauen, sehr wohl gefühlt an dieser Hochschule. Später als Dozentin hatte ich nie ein Problem damit, eine der wenigen Frauen in dieser Funktion zu sein. Ich habe auch nie das Bedürfnis gehabt, mich feministischen Forderungen anzuschliessen. Ich muss jedoch festhalten: Es ist ein Jammer, dass das riesige Potenzial der Frauen in den technischen und den Naturwissenschaften viel zu wenig zum Tragen kommt. Daran ist aber nicht die ETH schuld. Das Problem ist ein gesellschaftliches und muss eigentlich schon auf Primarschulstufe angegangen werden. Die ETH sollte den Hochschulkarrieren von Frauen zumindest keine Steine in den Weg legen. So wäre die Familienfreundlichkeit dieser Stellen noch zu verbessern. Dazu kann auch jede einzelne Professur ihren Beitrag leisten.

Die ETH durchlebt eine unruhige Phase. Letztes Jahr waren es ETH-interne Turbulenzen, gegenwärtig gibt es Spannungen zwischen der ETH Zürich und dem ETH-Rat. Was braucht die Hochschule Ihrer Meinung nach jetzt?

Die ETH Zürich ist definitiv kein Sanierungsfall, wie man uns da und dort versucht weiszumachen. Die Probleme liegen ausserhalb. Bei der Verteilung der Bundesmittel müssen wir zu einer Lösung kommen, am besten, indem wir uns innerhalb des ETH-Bereichs einigen. Dazu könnte auch beitragen, dass die Schulleitung noch bewusster und sichtbarer als Team auftritt. Zudem sind für mich durchaus strukturelle Fragen zu diskutieren, von der Klärung der Schnittstellen innerhalb der Schulleitung und zwischen Schulleitung und Departementen bis hin zu einer Überprüfung der Verantwortungsbereiche der einzelnen Schulleitungsmitglieder. Und nicht zuletzt gilt es jetzt der angestrebten Autonomie der Departemente zum Durchbruch zu verhelfen.


Wissenschaftlich und schulpolitisch engagiert

Geboren am 1. Januar 1947, studierte Heidi Wunderli-Allenspach Biologie an der Abteilung für Naturwissenschaften der ETH Zürich. Am Hirnforschungsinstitut der Universität Zürich (Professor K. Akert) bildete sie sich als Elektronenmikroskopikerin aus. Sie absolvierte anschliessend den Postgraduate-Kurs für experimentelle Medizin und Biologie an der Uni Zürich, bevor sie am Biozentrum der Universität Basel (Proff. Eduard Kellenberger und Werner Arber) ihre Doktorarbeit verfasste. Nach deren Abschluss arbeitete sie als Postdoktorandin zwei Jahre an der Duke University in Durham, N.C., USA, drei Jahre am Schweizerischen Krebsforschungsinstitut ISREC in Epalinges und drei Jahre am Institut für Immunologie und Virologie der Universität Zürich. Nach ihrer Rückkehr an die ETH Zürich wurde sie auf den 1. Oktober 1986 zur Assistenzprofessorin und 1992 zur ausserordentlichen Professorin gewählt. Seit 1995 ist sie ordentliche Professorin für Biopharmazie am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften.

Seit über zwei Jahrzehnten engagierte und engagiert sich Heidi Wunderli in zahlreichen Kommissionen für die Belange der ETH und für Fragen des Studiums, so unter anderem als Präsidentin der Dozentenkommission, in der Koordinationsgruppe “Reform Pharmaziestudium CH”, als Co-Präsidentin der Subkommission Pharmazie des Leitenden Ausschusses für Medizinalprüfungen, als Mitglied der ETH-Struktur- und der Studienkommission, als langjährige Studiendelegierte der Pharmazeutischen Wissenschaften sowie als Departementsvorsteherin Pharmazie und später Chemie und Angewandte Biowissenschaften.



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