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Rubrik: Campus Life
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Publiziert: 06.10.2006 06:00

Erster World Knowledge Dialogue
Ein Start mit vielen Stars

In Crans-Montana fand vom 14. bis 16. September der erste World Knowledge Dialogue statt. Der von Prof. André Hurst, Rektor der Universität Genf, und dem emeritierten ETH-Professor Francis Waldvogel initiierte Kongress zog 200 Wissenschafter aus aller Welt an. Thema war der Graben zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften und wie dieser zu überbrücken ist. Prof. Richard R. Ernst leitete dabei einen von drei Workshops. ETH life schilderte er, welche Erkenntnisse gewonnen werden konnten – und welche nicht.

Interview: Gabrielle Attinger

Herr Ernst, Sie haben am ersten World Knowledge Dialogue teilgenommen...

Ja, in der Tat ein anspruchsvoller Titel, sehr ambitiös.

Inwiefern?

Es gibt viele World Events, das World Economic Forum, World Spirit Forum – und jetzt also den World Knowledge Dialogue. Das sind grosse Worte, die es wohl braucht, um Teilnehmer und Sponsoren anzuziehen. Doch es wird sich erst in ein paar Jahren weisen, ob die Veranstaltung den Namen verdient.

Das Programm listet aber viele prominente Personen auf. Bundesrat Pascal Couchepin trat als Redner auf und Jn Figel, der Europäische Kommissär für Bildung.

Das stimmt. Die ganze Prominenz war da. Die war auch notwendig, um so ein Unternehmen glücklich zu starten, um die Verbindung zur Politik zu schaffen und alle Kreise zu orientieren. Der angestrebte Dialog wird aber erst nachträglich folgen können.

Warum nicht schon am ersten Tag der Veranstaltung?

Es dominierten vorbereitete Statements und Monologe. Vielleicht fügen sich diese mosaikartig zusammen. Doch der eigentliche Dialog über moderne Wissenschaft und wie man den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überwinden soll, muss ja nicht allein mit Herrn Figel oder Herrn Couchepin geführt werden.

Es traten aber auch prominente Wissenschaftler wie Gerald M. Edelman, seines Zeichens ebenfalls Nobelpreisträger, auf.

Ja. Er hielt nach den Eröffnungsreden den ersten wichtigen Vortrag. Es war einer seiner brillianten Standardvorträge, sehr informativ bezüglich der Funktion unseres Gehirns, er trug aber nicht viel zum Hauptthema bei und löste auch keine grössere Diskussion aus, unter anderem aus Zeitmangel. Das ist ja bei Starrednern oft so: Sie blenden eher, als dass sie zum Dialog führen. Der zweite Tag verlief eigentlich auch nach diesem Muster: Hervorragende Leute hielten hervorragende Vorträge, über Komplexität und über die prähistorische Entwicklung des Menschen, zur Diskussion gab es aber wenig Zeit, wie wir dies ja auch von anderen wissenschaftlichen Symposien leider so gut kennen.

Sie haben einen Workshop geleitet. Wurde da wenigstens diskutiert?

Ja, die Workshops am Samstag waren sehr lebendig. Innerhalb von drei Diskussionsgruppen wurden Subgruppen von je 20 Personen gebildet, die dann am runden Tisch miteinander diskutierten. Die Ergebnisse dieser Gespräche wurden dann in der ganzen Diskussionsgruppe zusammengefasst, und die drei Workshop-Leiter mussten davon eine Synthese machen und diese vor dem Gesamtplenum vortragen. Hier wurden in der Tat die essentiellen Fragen des Dialoges zwischen Natur- und Geisteswissenschaften behandelt. Das dabei praktizierte Stufenverfahren hat sich bewährt, die Zeit dafür war aber sehr knapp bemessen.

Wie knapp?

Ich hatte gerade 20 Minuten Zeit, die verschiedenen Voten und Diskussionsbeiträge für das Plenum zusammenzuschweissen. Dazu habe ich vorbereitete, aber inhaltlich leere PowerPoint-Bilder verwendet. Dies wurde dann kritisiert, denn es entstand der Eindruck, ich hätte nur meine eigene Position präsentiert und die Ergebnisse der Diskussion nicht einbezogen.


Nobelpreisträger Richard R. Ernst leitete am ersten World Knowledge Dialogue in Crans Montana einen Workshop: "Naturwissenschaftler überrennen argumentativ die Geisteswissenschaftler." gross

Thema des World Knowleage Dialogues war die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Ist diese Kluft denn tatsächlich ein Problem?

Ja. Erstens gibt es viel zu wenig Kontakte, da jeder mit den eigenen Fragen voll beschäftigt ist, und zum zweiten liegt ein Problem darin, dass die Naturwissenschaftler argumentativ die Geisteswissenschaftler gerne überrennen. Dies wurde auch in Crans-Montana offensichtlich. Die logischen Modelle der Naturwissenschaften dringen immer weiter in die Geisteswissenschaften ein. Das naturwissenschaftliche Denken in der Gehirnforschung etwa verändert die Psychologie grundlegend und macht sie zu einer rationalen Naturwissenschaft.

Ist das gefährlich?

Ja, die Naturwissenschaften fahren wie eine Dampfwalze über die Geisteswissenschaften her und walzen alles platt. So geht viel vom humanen Geist der Geisteswissenschaften verloren.

Was ist dagegen zu tun?

Man müsste bewusst den Geisteswissenschaften eine stärkere Position ermöglichen. Wie man dies erreicht, ist nicht ganz klar, denn die Naturwissenschaften sind nun einmal stärker, weil sie ihre Behauptungen durch Experimente beweisen können. In den Geisteswissenschaften ist dies viel schwieriger.

Und wie schafft man ein Gegengewicht?

Ich persönlich sehe die Lösung eher in einem respektvollen und kenntnisreichen Nebeneinander als in einem Zusammenschluss. Beide Seiten sind wertvoll und haben ein grosses Erkenntnispotential, jedoch unter Benutzung anderer Wege und Mittel. Es braucht also den Dialog. Es stellt sich doch die Frage, ob die Geisteswissenschaften tatsächlich die gleichen quantitativen Methoden benützen sollen wie der Naturwissenschaftler.

Spielt bei den Humanwissenschaften nicht noch viel Subtileres, Emotionelles mit, das mathematisch nicht fassbar ist? Wo wäre denn die Grenze zu ziehen?

Die Geisteswissenschaften haben, etwa mit der Musik-, Kunstwissenschaft und Literatur, auch einen direkten Bezug zur Kunst. Es geht nicht darum, Grenzen zu ziehen, ganz im Gegenteil, aber es braucht klare Standpunkte in einem Raum mit mehreren Polen, wozu neben Natur- und Geisteswissenschaften auch die Kunst gehört. Zwischen allen Polen gibt es Kreuzbeziehungen, die in einem solchen Dialog artikuliert und ausgelebt werden können. Doch dazu braucht es viel Zeit und viel gegenseitiges Verständnis und vielleicht etwas weniger rednerische Selbstdarstellungen.

Wurde am Symposium denn ein Resultat, eine Abschlusserklärung formuliert?

Nein, es wurde lediglich festgehalten, dass das Symposium weitergeführt werden soll. Ich kann das nur unterstreichen. Die Zusammensetzung der Teilnehmerschaft war gut, sehr viele arrivierte und auch viele junge Wissenschafter aus der ganzen Welt beteiligten sich. Und wenn das Programm etwas mehr auf Dialog ausgerichtet würde, dann kommt es gut.


Literaturhinweise:
Website des World Knowledge Dialogue: www.wkdnews.org/



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