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Publiziert: 11.06.2004 06:00

Chloramphenicol-Kontroverse zwischen der WHO und Beat Richner
Antibiotikum mit Nebenwirkungen

Der Zürcher Arzt Beat Richner alias „Beatocello“ kämpft für die Kinder in seinen Spitälern im vom Bürgerkrieg gezeichneten Kambodscha und gegen internationale Organisationen. Ausgehend vom Antibiotikum Chloramphenicol untersuchte eine ETH-Studentin in ihrer Diplomarbeit die Arbeit des Kinderarztes. Sie kommt zum Schluss, dass Richner zwar eine einzigartige Medizinversorgung bietet. Diese sei aber weder nachhaltig noch der ökonomischen Situation des Landes angepasst.

Von Christoph Meier

"Beat Richner am Ende“ titelte der Blick anfangs März dieses Jahr. Das Spital des Kinderarztes und Musikclowns Beat Richner alias „Beatocello“ in Phnom Penh, Kambodscha, werde von Termiten zerfressen, und es brauche dringend Spendengelder, um das Lebenswerk des „Schweizers des Jahres 2003“ zu retten, informierte die Boulevardzeitung weiter. In der Zwischenzeit läuft die Sammelaktion, unterstützt von mehreren Schweizer Prominenten und Zeitungen, damit das herauf beschworene Ende doch noch abgewendet werden kann. Aufgrund der Popularität Richners ist es gut vorstellbar, dass das benötigte Geld, rund 40 Millionen Schweizer Franken, zusammenkommt.

Doch was ist, wenn der Kinderarzt nicht mehr selbst die Werbetrommel rühren kann? Das wäre wahrscheinlich das definitive Ende von Richners Projekt, findet Martina Furrer. Die ETH-Studentin der Pharmazeutischen Wissenschaften kommt aufgrund von ihrer in der SGGP-Schriftenreihe erschienenen Diplomarbeit (1), die sich mit Richners Wirken in Kambodscha befasste, zu diesem Schluss. Ausgangspunkt für die Studie, die die Furrer auf Anregung von Georg Schönbächler in der Arbeitsgruppe von ETH-Professor Gerd Folkers durchführte, war die Kontroverse um das Antibiotikum Chloramphenicol.

Umstrittenes Chloramphenicol

Der Arzneistoff wurde Mitte des 20. Jahrhunderts isoliert und bald auch synthetisiert. Aufgrund der billigen Produktion, des breiten Wirkungsspektrums und weiterer positiven Eigenschaften gelangte Chloramphenicol zur Bekämpfung einer Vielzahl von Krankheiten zum Einsatz. Schnell wurde aber auch klar, dass die Substanz ernsthafte Nebenwirkungen hervorrufen kann. In der Folge verschwand das Medikament vom Markt in Europa und den USA. Als in den 70er Jahren das Problem Antibiotika-Resistenzen virulent wurde, gewann Chloramphenicol in den 70er Jahren wieder an Bedeutung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die Substanz darum als Reserveantibiotikum ein und führt es auf der Liste der „Essential Drugs“. Das bedeutet, dass Chloramphenicol zur medizinischen Deckung der Mehrheit der Bevölkerung in Entwicklungsländern dient.

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

Diese Politik der WHO ist Beat Ricner ein Dorn im Auge. Seit mehr als zehn Jahren kritisiert er unter anderem mit Zeitungsinseraten die Organisation wie auch das Weltkinderhilfswerk Unicef. 1999 reichte er am Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag Klage gegen die UN-Organisationen WHO und Unicef ein sowie gegen zahlreiche Nichtregierungs-Organisationen (NGO) und Privatpersonen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und Verletzung der Konvention des Kindes. Dabei wirft der Kinderarzt den internationalen Organisationen auch vor, dass sie nicht gegen das japanische Enzephalitis-Virus vorgingen und dass die UNO-Soldaten verantwortlich für die AIDS-Epidemie in Kambodscha seien.

Im Interview mit Martina Furrer weist Richner darauf hin, dass Chloramphenicol im asiatischen Land weiterhin benutzt wird, obwohl gerade bei Kindern selten Resistenzen gegen weniger gefährliche Alternativmedikamente aufträten. Zur Arbeit der WHO und der Unicef in Kambodscha meint er: „Im medizinischen Sektor für Kinder ist sie eine Katastrophe.“ Ein Schluss daraus ist für „Beatocello“, dass er nicht mit Hilfsorganisationen zusammen arbeiten könne, die „nichts leisten“ inklusive NGO.

Grosse Probleme im privaten Sektor

Aufgrund von Zahlen des Central Medical Store, das für die Arzneimittelverteilung an die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen in Kambodscha zuständig ist, schliesst Martina Furrer, dass Chloramphenicol in Kambodscha mehr als ein Reserveantibiotikum darstellt. Von einem Vertreter des Hilfswerkes „Care“ erfährt sie auch, dass Chloramphenicol bei Verletzungen das Medikament der Wahl darstelle.


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Beat Richners Schaffen wurde auch Inhalt von mehreren Filmen. Hier der Flyer zu "Geld oder Blut" des in Zürich ansässigen Regisseurs Georges Gachot. gross

Doch das grösste Problem in Bezug auf das Antibiotikum liegt für die ETH-Studentin nach all ihren Recherchen nicht im von der WHO beratenen öffentlichen Gesundheitsbereich, sondern im unkontrollierten Privatmarkt von Medikamenten. Dazu hat Furrer erfahren, dass auch mit einer ganzen Anzahl von Medikamentenfälschungen zu rechnen sei.

Bei ihren Nachforschungen zur Gefährlichkeit von Chloramphenicol stiess Furrer in den entsprechenden Studien auf grosse Schwankungen. In vielen Fällen ist nicht klar, ob die beobachteten Gesundheitsprobleme ursächlich mit dem Antibiotikum in Zusammenhang gebracht werden können. Das scheint auch auf die von Richner selber dokumentierten Fälle von Chloramphenicol-Nebenwirkungen zuzutreffen. Als die ETH-Studentin vom Kinderarzt Einsicht in andere Studien zu Resistenzen gegen Chloramphenicol bat, musste sie sich mit mündlichen Aussagen und dem Hinweis auf die gut eingerichteten Labors an seinen Spitälern begnügen.

Entwicklungshilfe scheidet Geister

In den Gesprächen beispielsweise mit Vertretern der WHO oder den NGO stellt Furrer fest, dass es bei der erbitterten Kontroverse nicht nur die unterschiedliche Handhabung von Chloramphenicol geht, sondern grundsätzlich verschiedene Auffassungen von humanitärer Hilfe aufeinander prallen. Auf der einen Seite steht Richner, der eine einzigartige medizinische Versorgung anbietet. In Spitälern mit moderner Infrastruktur können sich Kinder kostenlos behandeln lassen. Durch die gute Entlöhnung der Mitarbeiter scheint es kaum Probleme mit Korruption zu gegen. Getragen wird Richners Projket alleine von Spendengeldern.

Auch von Spendengeldern hängen viele NGO ab, die aber wie die WHO Projekte fordern und fördern, die in die Strukturen des Landes integriert sind und mit der Zeit von diesem finanziert werden können. In ihrer Arbeit weist Furrer darauf hin, dass die wenigsten Entwicklungsprojekte ohne finanzielle Unterstützung funktionieren. Sie glaubt aber, dass die Projekte mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit trotzdem längerfristig sinnvoller sind als Richners Projekt. Der Kinderarzt hält dem entgegen: „Für diese Kinder, die wir jetzt retten, spielt es doch gar keine Rolle, ob das Projekt in zwei Jahren noch existieren kann oder nicht. Deshalb ist die Nachhaltigkeit vom Individuum aus Unsinn.“

Umstrittene Basismedizin

So wertvoll die geretteten Kinderleben sind, können sie für Furrer nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich eine medizinische Betreuung im Stile von Richners Spitälern nicht in ganz Kambodscha realisieren lässt. Eine Polemik mit Sätzen wie „Wenn man ein Land flächendeckend bombardieren kann, kann man auch mit viel, viel weniger Geld flächendeckend versorgen“ sollte für die ETH-Studentin nicht dazu führen, dass man den Aufbau einer Basismedizin verhindert. Diese sollte nämlich auch dazu dienen, die Menschen zu schützen, bevor sie krank werden, indem sie beispielsweise auf die Gefahren von verschmutztem Trinkwasser hinweist. Basismedizin wird aber von Richner bekämpft, da sie „arme Medizin für arme Leute“ sei. Besonders problematisch ist aber für Furrer, wenn „Beatocello“ eigene Kinderspitäler aufbaut an Orten, wo bereits staatliche mit Kinderabteilung geplant sind. Die Studentin tut sich auch schwer damit, dass der Kinderarzt eigene unbestätigte Theorien zum japanischen Enzephalitis Virus und der Tuberkulose verbreitet.

Fragt man Martina Furrer, ob sie nach ihrer Beschäftigung mit der Chloramphenicol-Kontroverse noch für die Projekte von Richner spenden würde, antwortet sie mit „Nein“. Der Hauptgrund sei die mangelnde Nachhaltigkeit der Spitäler. Zudem war die ETH-Studentin auch enttäuscht über eine Werbeaktion von Beat Richner, die sie in Kambodscha erlebte. Was „Beatocello“ dort den Touristen geboten habe, hätte kaum den Ansprüchen genügt, die man im Westen an eine solche Veranstaltung stellen würde.


Fussnoten:
(1) Martina Furrer: „Die Chloramphenicol-Kontroverse zwischen Dr. med. Beat Richner und der WHO, Zweitklass-Medikamente für die Dritte Welt“, 2004 Schriftenreihe der SGGP (Schweizerische Gesellschaft für Geusndheitspolitik), No. 76



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