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Rubrik: Mittwochs-Kolumnen


Hoffnungen

Published: 13.12.2000 06:00
Modified: 12.12.2000 23:57
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Von Reinhard Nesper

Oh, from ETH! (S)he is from ETH! ETH Zuerich, Switzerland isn' it?! Ja, unsere Hochschule hat einen hervorragenden Namen, der insbesondere im Ausland mit Hochachtung genannt wird. Das hat einen schönen synergistischen Effekt: Man fühlt sich geschmeichelt und tut gleichzeitig das Beste, um dieser hohen Vorgabe gerecht - nicht selbstgerecht - zu werden. Der Name verpflichtet - gut so!

Internationalität - nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen - schadet nicht, im Gegenteil: Sie rückt die Nationalität in das richtige Umfeld, und sie erlaubt immer neu, Anteil zu nehmen an der gemeinsamen menschlichen Kultur. Ueberflüssig zu sagen, dass ja unsere bestehenden nationalen Kulturen von diesem Austausch durchdrungen sind. Wo besser, schöner, spannender als in der Dynamik einer Hochschule sind andere Gedankenwelten und kulturelle Hintergünde zu erfahren, mitzuerleben und auszutauschen?

Meine Hoffnung: eine lebhafte Internationalität als gelebte Vorbereitung auf die Herausforderungen unseres Jahrhunderts.

Ueberhaupt haben die Hochschulen eine Aufgabe bekommen, die sie zum grössten Teil noch nicht aktiv annehmen oder noch gar nicht erkannt haben. Sie verkörpern geradezu die Spannbreite gesellschaftlicher Entwicklungen - von sehr dynamischen Komponenten zu den langfristigen Horizonten, für die heute immer weniger Institutionen der Gesellschaft einstehen. Alles scheint sich im Rhythmus von Legislaturperioden zu bewegen - von Zeitfenstern, die vier Jahre kaum überschreiten! Politik, Wirtschaft, Zeitgeist, Mode und schliesslich die Börse - das goldene Kalb unserer Zeit - sind offenbar den kurzfristigen Zyklen ausgeliefert. Umso mehr müssen die Hochschulen langfristige Aspekte wissenschaftlich-kultureller Entwicklungen wahren und öffentlich machen.

Wer, ausser ihnen, könnte aufgrund seiner Rahmenbedinungen diese moralische Instanz besser verkörpern? Nur aus dem Spannungsfeld von Innovation und Bewahren kann eine fundierte und angemessene Meinung zu komplexen Zusammenhängen immer wieder neu entstehen! Eine beneidenswerte, doch stets zu verteidigende finanzielle Unabhängigkeit und geistige Freiheit sind eine notwendige Grundlage für diese Aufgabe.

Meine Hoffnung: die faktische und moralische Kompetenz verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Im Rahmen der Schweiz und sogar von Europa hat die ETH-Zürich allerbeste Voraussetzungen für diese Aufgaben: Erstens kann kaum eine andere europäische Hochschule punkto Internationalität mithalten - auch wenn die Studierenden in dieser Beziehung noch deutlich multinationaler gestreut sein könnten. Zweitens, die ETH-Zürich bietet eine reiche Palette international anerkannter Kernkompetenzen in den drei wichtigen Bereichen Lehre, Forschung und Anwendung.

Drittens wird sie in angemessener Weise unterstützt - eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt mit der mächtigen weltweiten Konkurrenz mithalten zu können. Viertens, die ETH-Zürich umgibt die Kernaktivitäten mit einer Kaskade von transdisziplinären Veranstaltungen und Möglichkeiten, die letztlich Voraussetzung sind für das, was den anspruchsvollen Namen Kultur trägt.

Eine gelobte Hochschulkultur, die nicht nur die geistige Transdisziplinarität fördert, sondern auch beständig die Verbindung von Körper und Geist bewusst macht - das ist ein hohes, aber auch ein angemessenes Ziel für diese, unsere ETH, und ich bin sicher, gerade hier kann sie gedeihen - diese kostbare Kultur.

Meine Hoffnung: gestärkte Hochschulkultur und Corporate Identity

Leider setzt die bereits bestehende zeitliche Ueberbeanspruchung der Lehr -, Vortrags- und Konferenzpläne reale physikalische und psychische Grenzen. Aber schliesslich bleibt ja noch der virtuelle Raum, dessen zunehmende Ausdehnung mit kritischer bis euphorischer Sicht begeleitet wird. Beides ist richtig: Tatsache ist zunächst, dass weltweit und auf allen Fronten an Kommunikationsnetzen gearbeitet wird.

Mit ETH World hat die Schulleitung die richtige Initiative ergriffen , um aus zahllosen, unkoordinierten Einzelaktionen auf verschiedensten Ebenen mit internationaler Hilfe ein kompetentes, konzentriertes Projekt zu formen. Dieses wird hohen Qualitätsstandards genügen müssen, um eine sinnvolle Ergänzung und Optimierung des Bestehenden - und nur darum kann es gehen - zu bieten. Qualität und Auswahl werden wesentliche Kriterien auch der "virtuellen Medien" sein müssen; schliesslich wollen und können wir nicht alles wissen.

Das Vermeiden von "brain pollution" wird denn auch ein zentraler Bereich von ETH World werden - Screening and Learning ist schliesslich die notwendige geistige Leistung, die das Herauskristallisieren der Kultur aus Beliebigkeit geschichtlicher Details möglich macht.

Meine reale Hoffnung: eine kraftvolle ETH World, die unser bisher zu wenig ausgeschöptes Vernetzungspotential nutzbar macht.

Ich möchte in diesem Sinne aus dem Kaleidoskop grossartiger Veranstaltungen der ETH Zürich nur auf eine kleine Konferenz hinweisen, die mir sehr am Herzen liegt, gerade weil sie viele Aspekte dieses Beitrages trägt und weiterentwickelt: Cortona

Es ist ein zartes Gewächs, dass Vereinfachung und Kategorisierung schlecht verträgt, weil in ihm einmal pro Jahr das grösstmögliche Spannungsfeld zwischen Körper und Geist stets neu inszeniert wird. Weil dort Begegnungen wichtig sind, ist diese Veranstaltung ein bedeutender Ausgleich zu den wachsenden virtuellen Aktivitäten. Viele Erfahrungen, Ideen und Grenzüberschreitungen werden von Cortona an die ETH zurückgetragen, geprüft und gegebenenfalls aufgenommen. Eigentlich ist Cortona im Konzert der Konferenzen vergleichbar dem, was die ETH im internationalen Feld der Hochschulen ausmacht.

Meine Hoffnung: diese Antenne für Transdisziplinarität für möglichst viele Angehörige der ETH pflegen und erweitern.

Zur Person

Reinhard Nesper, geboren 1949 in Elze bei Hannover/Deutschland, ist seit Oktober 1990 ordentlicher Professor fur Anorganische Chemie an der ETH. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Festkörperchemie, Strukturbestimmung und Elektronenstruktur fester Stoffe. Beliebt sind seine Weihnachtsvorlesungen, die diesjährige Ausgabe Far from Equilibrium ging am Montag über die Bühne


References:
Mehr zu Cortona unter http://mercury.ethz.ch/cortona/Cortona.html


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