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Rubrik: Mittwochs-Kolumnen


Ranking – ein paar Gedanken zu einem massgeblichen Wort

Published: 04.04.2007 06:00
Modified: 03.04.2007 13:31
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Friederike Osthof

Das Phänomen ist bekannt: Rankings sind Ranglisten, wie wir sie aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens kennen, in denen – mittels des Kriteriums der Leistung - eine Ordnung unter „Gleichen“ hergestellt wird. Die Besten stehen an der Spitze, die Schlechten ganz am Schluss. Das öffentliche Interesse (und damit die Geldflüsse) richtet sich auf die Wenigen an der Spitze, von den anderen redet man gar nicht. Das ist überall gleich, ob es sich nun um Sportler, Waschmittel oder Hochschulen handelt.

In den Hochschulrankings meint das Kriterium der Leistung die Qualität von Forschung und Lehre. Die in Forschung und Lehre qualitativ Besten stehen an der Spitze, die Schlechten werden nicht einmal erwähnt.

Hinter den Hochschulrankings steht eine leicht nachvollziehbare Absicht: sie sollen orientieren. Studierende sollen darüber orientiert werden, wo sie die beste Ausbildung erhalten und in die beste Position für ihr späteres Berufsleben gebracht werden. Forschende und Lehrende sollen darüber orientiert werden, wo sie die besten Arbeitsbedingungen vorfinden; die Wirtschaft darüber, woher die besten Arbeitskräfte kommen und die Politiker darüber, wo sie die öffentlichen Gelder am besten einsetzen.

Es ist überzeugend, dass man sich über all das orientieren muss.

Trotzdem macht sich Kritik breit.

Kritisiert wird systemimmanent, dass zwar objektive Kriterien zu einer objektiven Ordnung und Bewertung führen sollen, dass aber in Tat und Wahrheit die angelegten Kriterien zu Relativierungen führen, weil sich vor allem Fragen nach Vergleichbarkeit und Bewertung aufdrängen, die keine Antwort mehr finden. Die Folge davon ist keine Ausprägung, sondern eine Nivellierung von Qualität; das Gegenteil von dem, was erreicht werden will.

Kritisiert wird aber auch grundsätzlich, dass das Mittel des Hochschulrankings zur Feststellung und Sicherung der Qualität von Forschung und Lehre sich zum reinen Selbstzweck gewandelt habe, wodurch der eigentliche Zweck, eben die Qualität von Forschung und Lehre verloren gehe. Zu dieser Vertauschung von Mittel und Zweck kommt es, weil die Forschenden und Lehrenden sich nun an den angelegten Kriterien und nicht mehr an ihren eigentlichen Inhalten orientieren, weil sie mit einer guten Position im Ranking die Qualität ihrer Forschung und Lehre sichern wollen. Die Einführung einer objektiven Bewertungsinstanz führt von den eigentlichen Objekten weg.

Aus beiden Kritiken wird klar, dass die ursprüngliche Absicht, nämlich die mittels der Rankings zu orientieren, verfehlt wird. Rankings scheinen eher zu desorientieren, als dass sie orientieren. Sie desorientieren, weil die angelegten Kriterien nicht ihren Gegenständen entsprechen, die sie bewerten sollen; sonst würden sie nicht von ihnen wegführen. Ausserdem können die betroffenen Personen ja nicht so tun, als wüssten sie nicht um die Kriterien, mit denen sie bewertet werden. Und wer gut bewertet werden will, bedient die Kriterien genau so, dass das richtige Ergebnis dabei herauskommt.


Zur Autorin

Glauben strebt nach Wissen, ist Friederike Osthof überzeugt. Diese suchende Haltung bildet für die Hochschulpfarrerin auch einen Berührungspunkt der Religion zu den Wissenschaften, insbesondere den technischen und naturwissenschaftlichen. Das Ziel sei einfach ein anderes: Bei ihr als Theologin gehe es um persönliche, existentielle Erhellung, dort um objektiv nachvollziehbare Aussagen. Grundsätzlich sehe sie sich als Zeitgenossin, die in der christlichen Tradition steht und von da aus denkt.

Friederike Osthof geht es darum bei ihrer Tätigkeit nicht um Missionierung, sondern sie will im Kontakt mit Studierenden aufzeigen, wie grundsätzliche Probleme bereits in der Bibel aufgegriffen und bearbeitet wurden. Und der Austausch ist rege: So gibt es neben den persönlichen Beratungen jeden Freitag ein gemeinsames Mittagessen mit Studierenden. Zudem führt sie zusammen mit ihrem Lebenspartner ein studentisches Wohnheim, in dem sie mit ihrem Sohn auch wohnt. Friederike Osthof ist aber nicht nur Ansprechperson für Studierende, sondern für alle Hochschulangehörigen.


Setzt sich im Moment nicht nur als Seelsorgerin mit den Hochschulen auseinander, sondern auch als Kolumnistin: Friederike Osthof.

"Rankings are forever" (Rankings werden immer bleiben) habe ich neulich gelesen. Da es dafür – abgesehen von der gut gemeinten Absicht – eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt, fragt sich, warum das so ist. Ich vermute verschiedene Gründe.

Nicht zu unterschätzen ist das sportive Element solcher Ranglisten-Rangeleien. Konkurrenz belebt weniger das Geschäft als vielmehr einen selber, wenn man sich auf einem Nebenschauplatz miteinander messen kann; dort, wo es nicht so drauf ankommt wie bei den eigentlichen und hoch besetzten Inhalten. Das spielerische sich Rühmen changiert aufregend zwischen lustig und ernst.

Ein gewichtigerer Grund liegt in der Schwierigkeit, aus etwas auszusteigen, was schon läuft und seine Eigendynamik entfaltet hat. Wenn die auf den hinteren oder mittleren Plätzen der Ranglisten aussteigen, bewirkt das gar nichts, weil es nämlich nicht weiter auffällt. Die Besten müssten das Spiel beenden, oder es läuft weiter. Die aber werden das kaum tun, weil sie genau durch das Spiel zu Besten geworden sind. Sie repräsentieren das Spiel und werden sich doch mit dem Spiel nicht als Beste selber abschaffen wollen.

„So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein.“ Dieser Satz aus der Bibel beschreibt weniger einen Mechanismus, der einfach abläuft, als vielmehr menschliche Befindlichkeiten; nämlich die Hoffnung der Letzten, auch einmal Erste zu werden und die Angst der Ersten, irgendeinmal doch noch unter den Letzten zu landen. Es ist diese Angst, die daran hindert, ein Spiel zu unterbrechen, bei dem man sich zumindest – ob spielerisch oder mühsam - anstrengen kann, Erste zu werden oder zu bleiben.

Beim Spiel geht es also um mehr als ums Spielen, und darum ist das Ranking nur die neueste Fassung eines uralten Phänomens. Wir finden unsere Identität und unseren eigenen Wert, indem wir uns mit anderen vergleichen und uns von ihnen abgrenzen: Der kann zwar besser rechnen, aber dafür bin ich besser im Sport. Die ist zwar viel fleissiger, dafür bin ich intelligenter. Wert hat nur, wer besser ist. Auch hier entsprechen die angelegten Kriterien nicht wirklich ihren Gegenständen und die Orientierung ist auch nicht besonders gründlich oder von Dauer. Dafür muss man es auch nicht so genau nehmen, weder mit den eigenen Zielen noch mit den anderen und ihren Zielen. Es reicht, wenn man beides eher flüchtig in den Blick nimmt, es vergleichend objektiviert und dann ad acta legt.

Das aber genau wäre wichtig, dass jeder und jede die eigenen Ziele gründlich in den Blick und zur Brust nimmt: die Studierenden, die Forschenden und Lehrenden und die Politiker. Dadurch würden nämlich alle so gründlich orientiert, wie kein Ranking das jemals leisten kann. Und wenn man dann noch davon ausgeht, dass man nicht nur die eigenen Ziele ergründet hat, sondern dass auch alle anderen es genauso halten, dann könnte man darüber sogar miteinander ins Gespräch kommen. Objektive, das heisst von Personen und deren Zielen unabhängige Ranglisten wären echt überflüssig.


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