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Rubrik: Mittwochs-Kolumnen


Reformprozess

Published: 01.11.2006 06:00
Modified: 31.10.2006 22:35
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Von Rudolf Mumenthaler

Momentan ist es schlicht unmöglich, sich als Kolumnist nicht zur zentralen Frage zu äussern, die alle Mitarbeitenden der ETH beschäftigt: Wie geht es weiter mit dem Reformprozess?

Ich frage mich, welche Art der Veränderung die ETH denn benötigt. Um darauf eine einigermassen sachliche und fundierte Antwort geben zu können, betrachte ich zuerst die Stärken und Schwächen der ETH. Dabei kommen mir sehr viele positive Argumente in den Sinn, die ich jetzt nicht im Einzelnen aufzählen will. Bei den Schwächen habe ich – auch im Vergleich mit anderen Hochschulen – eher etwas Mühe. Am ehesten fallen mir hier eine öfters geäusserte Kritik aus Studierendenkreisen an der Qualität der Lehre ein und diejenige aus der Wirtschaft, wonach die ETH zu wenig Ingenieure ausbilde oder solche, die den konkreten Anforderungen der Industrie nicht genügten. Sicher kommen Ihnen noch einige weitere Schwächen in den Sinn – doch die Stärken überwiegen eindeutig. Worauf ich mit dieser Kurzanalyse hinaus will: Ich bin überzeugt, dass die ETH grundsätzlich auf einem guten Kurs fährt. Entsprechend finde ich, dass eine radikale Umstrukturierung und eine komplette Neuausrichtung der Strategie nicht nötig sind.

Und jetzt kommt das grosse Aber: Das bedeutet keineswegs, dass die ETH keine Reformen braucht. Ganz im Gegenteil: der Erfolg, dem sich die ETH verschrieben hat, verpflichtet. In Bezug auf das Mission Statement herrscht meiner Meinung nach denn auch breiter Konsens an der ETH. Auch bei den mittel- und langfristigen Zielen sehe ich keine grundsätzlichen Differenzen. Die Behauptung einer Tageszeitung, es gebe an der ETH zwei Fraktionen mit den Traditionalisten und den international Ausgerichteten, halte ich für Blödsinn.

Differenzen gibt es jedoch bei der Frage, auf welche Art die strategischen Ziele umgesetzt werden sollen und wie die Schwerpunkte zu setzen seien. Es ist klar, dass in einem System mit beschränkten Ressourcen (auch wenn die Beschränkung im Vergleich zu anderen Hochschulen auf hohem Niveau erfolgt) ein Verteilkampf stattfindet. Je nach Schwerpunktsetzung müssen an gewissen anderen Stellen Abstriche gemacht werden. Auch wenn das selten schmerzlos geht und in der Vergangenheit nicht immer optimal umgesetzt worden ist, hat die ETH mehrfach bewiesen, dass sie zu dieser laufenden Selbsterneuerung durchaus fähig ist. Diese Veränderungen gehen zwar nie reibungslos über die Bühne, doch gilt die Neuorganisation ganzer Departemente rückblickend sicher als Erfolg.

Für den effizienten und effektiven Einsatz der beschränkten Ressourcen müssen interne Strukturen immer wieder überdacht und optimiert werden. In diesem Bereich besteht sicher noch an einigen Stellen Handlungsbedarf, doch erlebe ich die ETH insgesamt auch von ihrer strukturellen Seite als ein dynamisches Gebilde.

Rudolf Mumenthaler, Leiter der Spezialsammlungen der ETH-Bibliothek und "ETH Life"-Kolumnist.

Was schliesse ich daraus? Die ETH besitzt eine hohe Innovationskraft, nicht nur was die Forschung betrifft, sondern auch die Organisationsstruktur. Das befähigt sie, sich auch ohne radikale Reformen laufend zu verbessern und weiter zu entwickeln. Die ETH ist kein Patient, dem dringend starke Medizin verordnet werden muss. Aber sie benötigt regelmässiges Training und Bewegung, um auch in Zukunft fit zu bleiben. Sie braucht zudem die dauernde, faire und nicht personenbezogene Auseinandersetzung über ihre Ziele und Prioritäten, um sich weiter zu entwickeln.


Zum Autor

Rudolf Mumenthaler war Assistent am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Uni Zürich, als er sich für seine Dissertation in ein wissenschaftsgeschichtliches Thema vertiefte: in das Wirken von Schweizer Gelehrten im russischen Zarenreich. Insofern scheint konsequent, dass er 1997 die Leitung der Wissenschaftshistorischen Sammlungen der ETH-Bibliothek übernehmen konnte, obschon die Arbeit an einem Lehrstuhl nicht wirklich mit derjenigen in einem wissenschaftlichen Dienstleistungsbetrieb zu vergleichen ist. Seit 1999 ist Mumenthaler Leiter der Spezialsammlungen der ETH-Bibliothek, zu der die Sammlungen Alte Drucke, Archive und Nachlässe, Bildarchiv und Kartensammlung gehören. Seit 2005 ist er zudem Präsident der Kulturgüterkommission. Sie koordiniert die gemeinsamen Aktivitäten aller Sammlungen und Archive und berät die Schulleitung in Fragen der Kulturgüter.

„Die Arbeit mit den überaus vielseitigen Sammlungen der ETH-Bibliothek ist ungemein spannend", sagt Mumenthaler. Allerdings genüge es nicht, dass man diese wertvollen Bestände hütet und bewahrt . Klar im Vordergrund stehe, dass sie den interessierten Benutzern zur Verfügung gestellt werden. „Den Schwerpunkt bilden heute deshalb die Entwicklung neuer elektronischer Dienstleistungen, die Digitalisierung ausgewählter Bestände und die Durchführung aussenwirksamer Aktivitäten – also eigentlich das Marketing.“ Das Umfeld an der ETH biete potentiell unzählige Möglichkeiten, um mit Fachleuten aus unterschiedlichsten Sparten zusammenzuarbeiten, findet Mumenthaler. "Dieses Potential auszuschöpfen ist mir ein grosses Anliegen. Am ehesten gelingt dies in übergeordneten Programmen, wie etwa ETH World und Science City."



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