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Rubrik: Science Life

Zeitkarten
Schweiz wird immer kleiner

Published: 03.01.2006 06:00
Modified: 03.01.2006 08:26
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Die Schweiz schrumpft, weil das Verkehrssystem immer effizienter und die Reisezeiten kürzer werden. Das lässt sich mit Zeitkarten für die Schweiz über die letzten 50 Jahre treffend illustrieren.



Peter Rüegg (mailto:peter.rueegg@cc.ethz.ch)

Die Welt ist klein geworden. Eine Reise von Chur nach Zürich ist heutzutage eine kurze Sache, der Skiausflug nach Davos ist selbst von Basel aus an einem Tag machbar und das einst so abgelegene Unterengadin liegt heute dank Vereinatunnel im Bereich eines lockeren Wochenendabstechers.

Ein subjektives Gefühl ist dies zwar nur, aber es lässt sich auch mit Zahlen belegen und kartographisch abbilden. Genau das haben das Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme und das Institut für Kartographie der ETH getan. Im Rahmen eines grossen Forschungsprojekts haben die Forscher die Schweizer Karte neu berechnet und gezeichnet. Diese Karten bilden nicht die räumlichen Distanzen ab, sondern die Reisezeiten. Als Kartenmassstab gilt eine Stunde Reisezeit. Aus den Karten lässt sich ablesen, wie lange man für die Reise zwischen zwei beliebigen Orten der Schweiz braucht. Der Kartennullpunkt liegt in Bern.

Umrisse des Landes werden sichtbar

Dies ergibt ein völlig anderes Bild des Landes, ein ungewohntes mit teilweise grotesk verzerrten 10x10 Kilometer-Rasterquadraten und aussergewöhnlichem Grenzverlauf. Diese reisezeit-skalierten Schweizer Karten liegen für die letzten 50 Jahre vor und dokumentieren die stürmische Entwicklung sowohl beim privaten Individualverkehr als auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. (1)

Beim motorisierten Individualverkehrs fällt besonders auf, dass die Reisezeit-Karten immer stärker die wahren - sprich geografischen - Umrisse der Schweiz abbilden. Aus dem unförmigen Flecken von 1950, bei dem vor allem das Wallis und das Nord-Tessin absurd anschwellen, ist im Jahr 2000 beinahe die „richtige“ Schweiz geworden. Das bedeutet, dass das Strassensystem bis in die hintersten Winkel des Landes sehr effizient geworden ist. Selbst Bewohner von Randregionen wurden in den letzten fünf Jahrzehnten an die restliche Schweiz angebunden.

Investitionen führten Land zusammen

Auch die abgebildete Landesfläche schrumpft. „Die Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren knapp halbiert, sowohl beim privaten motorisierten als auch beim öffentlichen Verkehr“, sagt Professor Kay Axhausen vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme, der Mitherausgeber des Kartenwerks. Diese Halbierung sei vor allem ein Resultat der regionalen Ausgleichsprozesse.

Reisezeit-skalierte Schweizer Karte für den öffentlichen Verkehr von 1950: Das Engadin erscheint durch die starke Verzerrung fast unerreichbar weit weg. (Bild: www.ivt.ethz.ch)

„Die Karten zeigen eindrücklich, wie stark die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur das ganze Land zusammengeführt haben“. Beim öffentlichen Verkehr ist aus den Karten eine ähnliche Tendenz herauszulesen. Die östlichsten Landesteile sind zwar näher an die Restschweiz herangerückt, dennoch erscheinen weite Teile Graubündens entfremdet. Die Karte aus dem Jahr 2000 berücksichtigt allerdings den Vereina-Tunnel noch nicht.

Neben den reisezeit-skalierten Karten haben die Forscherinnen und Forscher auch Isochronen berechnet. Diese beschreiben die Flächen, welche von einem Ausgangspunkt innerhalb einer bestimmten Zeit erreicht werden. Diese traditionelle Darstellung bildet das Land gewohnt topografisch ab und unterstützt die Aussagen der Zeitkarten: die Schweiz ist in den letzten 50 Jahren klein geworden. Fuhr man zum Beispiel 1950 von Lausanne in Richtung Zürich, erreichte man in drei Stunden gerade noch die Linie Reuss-Aare. 1990 konnte man dagegen in der gleichen Zeit praktisch jedes Ziel am Schweizer Bodenseeufer ansteuern. Diese Reichweite liess sich allerdings bis zur Jahrtausendwende nicht mehr steigern.

Zeitkarten "nur" Nebenprodukt von Grossprojekt

Die Zeitkarten sind eigentlich nur ein Nebenprodukt eines grösseren vom Bund finanzierten Forschungsprojekts. In einem ersten Schritt wurde im Rahmen des vom SNF und BBW geförderten Projektes „Entwicklung des Transitverkehrs-Systems und dessen Auswirkungen auf die Raumentwicklung in der Schweiz“ die Beziehungen zwischen Infrastrukturen, Raum- und Wirtschaftsentwicklung erfasst. An der Studie beteiligt waren auch die ViaStoria der Universität Bern und das Institute d’Histoire der Uni Neuchâtel. Ein Ziel der Arbeiten ist es herauszufinden, ob und wie die Mittel für den Verkehr die Effizienz der schweizerischen Wirtschaft gesteigert haben.

Footnotes:
(1 Alle Zeitkarten unter: www.ivt.ethz.ch/vpl/publications/atlas/Gesamtposter.pdf


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