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Rubrik: Science Life
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Publiziert: 22.06.2006 06:00

WBGU-Gutachten
Meere werden richtig sauer

Die beiden ETH-Professorinnen Renate Schubert und Nina Buchmann sind Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), der die deutsche Regierung in Sachen globaler Umweltpolitik berät. In ihrem neuen Gutachten legen sie den Finger auf einen Punkt, der in der Klimadebatte bisher eher unbeachtet blieb: die Versauerung der Meere.

Peter Rüegg

Die Kernbotschaften, die im neuen Sondergutachten „Die Zukunft der Meere“ des WBGU enthalten sind, klingen ungemütlich. Zu hoch, zu warm und zu sauer werden die Weltmeere in Zukunft sein, weil der Mensch nach wie vor zu viel CO2 in die Atmosphäre pustet und damit das Treibhausklima fördert. „Da werden Prozesse angestossen, die in den nächsten Jahrzehnten massive Folgen haben werden“, sind sich ETH-Professorinnen und WBGU-Beirätinnen Nina Buchmann und Renate Schubert sicher. „Wir müssen jetzt möglichst rasch etwas tun.“

Kohlendioxid löst sich im Meerwasser

Tatsächlich lässt das neue WBGU-Sondergutachten (1), an dem die beiden Professorinnen mitgearbeitet haben, keinen Zweifel darüber aufkommen, dass die Politik in Sachen Klima jetzt wirklich aktiv werden muss. Denn das Kohlendioxid, das die Menschen produzieren, bedroht die Meere und Küstenregionen nicht nur über Klimaerwärmung, steigende Meeresspiegel und häufigere bzw. stärkere Sturmfluten, sondern auch indirekt. Der WBGU weist auf diese neue Entwicklung hin, die das ganze Ökosystem Meer innert weniger Jahrzehnte zum Kippen bringen kann: die schleichende Versauerung durch den Eintrag von CO2. Dies ändert den Chemismus der Meere.

Bereits jetzt haben die Meere rund die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen aufgefangen. Das Gas hat sich jedoch nicht einfach verflüchtigt, sondern im Meerwasser gelöst und vor allem Hydrogenkarbonat gebildet. Dadurch ist das Wasser saurer geworden. Laut WBGU ist der pH-Wert des Meerwassers weltweit im Durchschnitt schon um 0,1 pH-Einheiten gesunken. Das klingt nach wenig. Doch die Skala ist logarithmisch, nicht linear. „Diese Entwicklung ist erst in den letzten Jahren bekannt und untersucht geworden“, sagt Buchmann. „In den Köpfen der Politiker ist das noch nicht drin!“

Für alle Meeresbewohner, wie Muscheln oder Korallen, die Kalk bilden, ist die Versauerung verheerender als die blosse Erwärmung des Wassers. Diese Tiere können in einem sauren Milieu keine Kalkschalen respektive keine Kalkstöcke mehr bilden. Auch die durch die Fischerei ohnehin schon arg gebeutelten Fische leiden unter saurerem Wasser. Die Versauerung der Meere lässt sich auch nicht einfach umkehren. Der Schaden wird Tausende von Jahren anhalten.

Wohin mit Umwelt-Flüchtlingen ?

Andere Folgen des Klimawandels, die der Bericht aufzeigt, sind nicht neu, in den geschilderten Ausmassen dennoch schockierend. Die Meere werden immer wärmer, das arktische Meereis schmilzt fast rascher als der sprichwörtliche Schnee an der Frühjahrssonne. Am Ende dieses Jahrhunderts dürfte ohne Klimamassnahmen gemäss den Prognosen, die in den WBGU-Bericht eingeflossen sind, die Arktis im Sommer jeweils eisfrei sein. Auch wird der Meeresspiegel rascher ansteigen als vermutet. Satellitenmessungen belegen für das vergangene Jahrzehnt einen Anstieg von drei Zentimetern – mehr als je zuvor. Steigt der Pegel um mehr als einen Meter gegenüber vorindustriellen Zeiten, dann sieht der WBGU schwere Zeiten auf diejenigen Menschen zukommen, die in Küstennähe leben. Und immerhin lebt jeder fünfte Mensch weniger als 30 km vom Meer entfernt.

„Die Industrienationen mögen das vielleicht verkraften, wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt“, sagt Renate Schubert, die ETH-Professorin in Nationalökonomie. Arme Länder wie zum Beispiel Bangladesh sind dagegen sehr viel verwundbarer. Hinzu kommt, dass einige Inselstaaten wie etwa Tuvalu einfach verschwinden werden. Die Bewohner künftig überfluteter Gebiete müssten flüchten.

Nun leben weltweit über 60 Millionen Menschen in Zonen, die nur einen Meter über dem mittleren Meeresspiegel liegen und 275 Millionen in der 5-Meter-Zone. Schubert erwartet deshalb in Zukunft signifikante Ströme von Umwelt-Flüchtlingen, auf die die Weltgemeinschaft momentan noch nicht vorbereitet ist. „Die internationale Rechtsprechung muss möglichst bald den Status solcher Flüchtlinge klären. Umwelt-Flüchtlinge existieren bisher nicht. Niemand weiss, wer sie aufnehmen will und soll oder wer für sie zahlen soll.“

Schutzgebiete und Grenzwerte gefordert

Das Sondergutachten ist nicht nur eine Faktensammlung, es enthält auch Orientierungspunkte, so genannte Leitplanken, die der Politik die Notwendigkeit zum Handeln aufzeigen. Der WBGU hält unter anderem die Schaffung von grossflächigen Meeresreservaten für sinnvoll, damit sich die empfindlichen Ökosysteme und ihre Bewohner erholen können.


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Die ETH-Professorinnen Renate Schubert (l.) und Nina Buchmann präsentieren das neue Gutachten über den Zustand der Meere. gross

Bis zu 30 Prozent der Meeresfläche sollen als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Der WBGU fordert zudem, dass sich die globale Mitteltemperatur um höchstens 2 C gegenüber dem vorindustriellen Wert erwärmen darf. Dies ist auch zum Schutz der Meere erforderlich. Auch für den Anstieg des Säurewerts setzt das Gremium eine obere Grenze: maximal um 0,2 Einheiten gegenüber dem vorindustriellen Wert darf der pH-Wert sinken, um das Meer nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und der Meeresspiegel sollte nicht mehr als 5 Zentimeter pro Jahrzehnt ansteigen, insgesamt auf lange Sicht höchstens einen Meter gegenüber dem vorindustriellen Niveau.

Die Empfehlungen des WBGU richten sich direkt an die deutsche Politik. Nur ehrgeiziger Klimaschutz kann helfen, die Folgen von Erwärmung, Versauerung und Meeresspiegelanstieg für die Meeresumwelt und den Menschen zu begrenzen. Buchmann ist überzeugt, dass die Botschaften des WBGU bei den Adressaten des Gutachtens auch ankommen und etwas auslösen. Ganz generell dürfe man die Bedeutung der Wissenschaft an dieser Stelle nicht unterschätzen. Beim Ozonloch etwa habe die internationale Gemeinschaft nach seiner „Entdeckung“ rasch entsprechende Massnahmen getroffen. Und über 160 Nationen hätten mittlerweile auch das Kyoto-Protokoll ratifiziert. Schliesslich hätten auch grosse Firmen wie British Petroleum begonnen umzudenken. BP hiesse jetzt auch „Beyond Petroleum“.

Kein Kohlendioxid im Wasser "versenken"

Vielfach wird gefordert, Klimapolitik durch Einlagerung von CO2 in und unter dem Meer zu betreiben. Der WBGU äussert sich hierzu sehr kritisch. „Im Meer Kohlendioxid zu ‚lagern’, lehnen wir nicht zuletzt wegen der Versauerungsproblematik strikt ab“, betonen Schubert und Buchmann. Eine Lagerung unter dem Meeresboden akzeptiere der WBGU nur unter hohen Auflagen. Für solche Projekte fordert der Beirat eine strenge Prüfung der Eignung der geologischen Formationen und eine Rückhaltezeit von mindestens 10'000 Jahren . „Noch immer ist es viel besser, CO2 gar nicht freizusetzen“, sagt Buchmann. Doch dafür brauche es eben eine aktive Klimapolitik.


Umwelt-Weise beraten deutsche Regierung

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung (WBGU) (2) ist vergleichbar mit dem volkswirtschaftlichen Sachverständigenrat, den fünf „Wirtschafts-Weisen“, die ebenfalls die deutsche Bundesregierung beraten. Prominente „Wirtschafts-Weise“ ist die Schweizerin Beatrice Weder di Mauro. Der WBGU setzt sich aus neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen. Die ETH-Professorin Renate Schubert für Nationalökonomie gehört dem Rat seit 2000 an; seit 2004 ist sie Vorsitzende des Gremiums. 2004 ist Nina Buchmann als zweite ETH-Professorin in das Gremium berufen worden. Sie ist Spezialistin für terrestrische Ökosysteme. Für seine Analysen wertet der WBGU verschiedene wissenschaftliche Quellen aus und stützt sich auf die Expertise seiner Mitglieder oder externer Berater. Der Rat der „Umwelt-Weisen“ wurde im Vorfeld des Umweltgipfels von Rio 1992 eingerichtet. Alle zwei Jahre schreibt der WBGU ein Hauptgutachten; daneben werden Sondergutachten und kürzere Politikpapiere erstellt. Die Themen wählt der WBGU in der Regel selbst. Die Bundesregierung kann aber auch Themen in Auftrag geben.




Fussnoten:
(1) Gutachten "Zukunft der Meere" als PDF: www.wbgu.de/wbgu_sn2006.html
(2) Website des WBGU: www.wbgu.de



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