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Rubrik: Tagesberichte
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Publiziert: 26.03.2007 06:00

Kolloquium des Energy Science Center
Was können wir verantworten?

Almut Kirchner sprach am ersten Energy Science Colloquium des Semesters über die Energieperspektiven des Bundes. Diese zeigen mit einer Fülle von Daten mögliche Entwicklungen der schweizerischen Energieversorgung auf. Die entscheidenden Fragen jedoch bleiben unbeantwortet.

Felix Würsten

Es kommt nicht häufig vor, dass ein wissenschaftliches Kolloquium derart gut zum tagesaktuellen politischen Geschehen passt. Doch beim ersten Energiekolloquium des Semesters (1), welches das Energy Science Center der ETH (2) am letzten Donnerstag durchführte, schienen akademische Planung und politischer Diskurs für einmal optimal aufeinander abgestimmt zu sein. Am Morgen erklärten Vertreter der Organisation der Stromverbundunternehmen (Swisselectric) in Bern vor den Medien, in den nächsten 30 Jahren müssten Investitionen von bis zu 30 Milliarden Franken getätigt werden, damit die sich abzeichnende Stromlücke geschlossen werden könne. Unter anderem müssten zwei bis drei neue Kernkraftwerke und bis zu fünf Gas-Kombikraftwerke gebaut werden. Am Abend dann erläuterte Almut Kirchner, Leiterin des Marktfeldes Energiepolitik bei der Beratungsfirma Prognos, wie die Verfasser der neuen Energieperspektiven des Bundes (3) die sogenannte Stromlücke beurteilen.

Technische Grundlagen

Es sei nicht einfach, die umfangreiche Arbeit, die in den Energieperspektiven stecke, in dreiviertel Stunden zusammenzufassen, meinte Kirchner zu Beginn. Die studierte Physikerin hat in den letzten dreieinhalb Jahren als Koordinatorin dafür gesorgt, dass die Arbeiten der verschiedenen Experten zu einem Ganzen zusammengefügt werden konnten. Die Energieperspektiven, die im Auftrag des Bundesamtes für Energie verfasst wurden, zeigen auf, wie sich die Energieversorgung in der Schweiz im Laufe der nächsten 30 Jahre entwickeln könnte. Es handle sich dabei, so betonte Kirchner, "nur" um eine technische Auslegeordnung, die Grundlagen für den politischen Entscheidungsprozess liefern soll.

Insgesamt wurden im Rahmen der Energieperspektiven vier verschiedene Szenarien untersucht. Szenario I geht davon aus, dass die heutige Energiepolitik wie gehabt weiterverfolgt wird. Szenario II ist ebenfalls massnahmeorientiert und geht von einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft aus. Die Szenarien III und IV – "Neue Prioritäten" und "2000-Watt-Gesellschaft" genannt – sind hingegen zielorientiert. Das heisst: Vorgegeben werden hier nicht Massnahmen, deren Wirkung dann abgeschätzt werden soll, sondern es werden Reduktionsziele beim Energieverbrauch pro Kopf und beim CO2-Ausstoss definiert, die dann mit entsprechenden Massnahmen erreicht werden sollen. Bei jedem Szenario werden zusätzlich verschiedene Varianten diskutiert, wie die oben erwähnte "Stromlücke" geschlossen werden könnte. Diese Lücke entsteht, weil ungefähr im Jahre 2020 die ältesten Kernkraftwerke Beznau und Mühleberg abgeschaltet werden müssen. Dadurch kann im Winter der Bedarf an Strom nicht mehr vollständig durch die inländische Stromproduktion und vertraglich gesicherte Importe gedeckt werden.


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Das Kernkraftwerk Beznau I wird als ältestes Kernkraftwerk der Schweiz voraussichtlich um das Jahr 2020 vom Netz gehen. (Bild: picswiss.ch) gross

Import wäre technisch machbar

Aus dieser Ausgangslage ergibt sich eine Vielfalt an möglichen Entwicklungen, welche mit Hilfe von Modellrechnungen untersucht wurden. Für den Laien ist es auf Anhieb nicht ganz einfach, im Zahlendickicht den Überblick zu bewahren. Kirchner präsentierte in ihrem Vortrag eine Fülle von Graphiken, welche die Komplexität des Themas verdeutlichten. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass selbst mit dem Referenzszenario I die Gesamtnachfrage nach Energie stabilisiert werden kann. Bis 2035 ist nur mit einer geringfügigen Steigerung zu rechnen, obwohl die Wirtschaft und die Bevölkerungszahl weiter wachsen werden. Die Bilanz ist vor allem deshalb positiv, weil beim Heizöl der Verbrauch weiter abnimmt. Beim Strom hingegen ist beim Szenario I mit einer markanten Zunahme zu rechnen. Wie der Bedarf nach 2020 gedeckt werden soll, darüber wird – wie bereits erwähnt – zurzeit heftig diskutiert. Technisch gesehen, so Kirchner, wäre es auch möglich, auf den Bau von neuen Grosskraftwerken zu verzichten und vermehrt Strom aus dem Ausland zu importieren. Sicher sei jedoch, dass die Ziele des Kyoto-Protokolls mit Szenario I bei weitem nicht erfüllt werden können.

Substanzielle Eingriffe

Mit den Szenarien III und IV hingegen liesse sich der Gesamtenergieverbrauch markant senken; bei Szenario IV sind es 27 Prozent. Auch bei diesen beiden Szenarien stellt der Strom das Sorgenkind dar. Eine leichte Abnahme lässt sich einzig mit Szenario IV erreichen. Mit Szenario III hingegen sei es nicht möglich, den Ausfall der alten Kernkraftwerke vollständig durch inländische erneuerbare Energien zu decken. Und auch bei Szenario IV gelingt dies nur, wenn sich die tiefe Geothermie bis dahin als technisch machbare Lösung etabliert hat. Kirchner hielt fest, dass die Umsetzung der beiden Szenarien III und IV mit substanziellen politischen und rechtlichen Eingriffen verbunden wäre. Die Berechnungen zeigten aber, dass eine solche Energiepolitik technisch machbar und ökonomisch verkraftbar wäre.

Die Energieperspektiven liefern eine Fülle von Daten und Fakten, sie zeigen auch akribisch auf, wie sich beispielsweise ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum oder ein wärmeres Klima auf die Energieversorgung auswirken würde. Doch letztlich helfen all diese Daten nur bedingt weiter. Der Gesellschaft stehe nun ein Aushandlungsprozess bevor, so Kirchner, und dabei gehe es um drei entscheidende Fragen, die man auch mit den besten Modellen nicht beantworten könne: Was wollen wir uns leisten? Was nehmen wir dafür in Kauf? Und schliesslich, mit Blick auf die globale Situation: Was können wir verantworten?


Fussnoten:
(1) Programm der Energy Science Colloquia: www.esc.ethz.ch/news/colloquia
(2) Homepage des Energy Science Center: www.esc.ethz.ch
(3) Detaillierte Informationen zu den Energieperspektiven und die Schlussberichte finden sich unter: www.energie-perspektiven.ch



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