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Rubrik: Tagesberichte

Symposium im Zentrum Geschichte des Wissens
Im Datenstrom der Geschichte

Published: 01.02.2007 06:00
Modified: 01.02.2007 10:09
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Die Geschichte der technisierten Datenverarbeitung ist älter als man denkt. Zettelkataloge und Lochkartensysteme halfen den Menschen schon früh bei der Nutzung und Archivierung von Daten. Dabei traten im Laufe der Geschichte jedoch immer wieder gesellschaftliche Probleme im Umgang mit neuen Datenverarbeitungs-Technologien auf. Ein Symposium im Zentrum Geschichte des Wissens ging unter anderem der Frage nach, wie technologische Innovationen in Unternehmen erfolgreich verankert werden.



Samuel Schlaefli (mailto:samuel.schlaefli@cc.ethz.ch)

Das Zentrum Geschichte des Wissens (1) ist bekannt für spannende und oft interdisziplinär besetzte Diskussionsrunden zu Themen, welche unter den Nägeln brennen. Vergangenen Donnerstag stand das Thema Datenströme im Vordergrund eines Symposiums, welches aus den Lehrveranstaltungen des ETH-Professors für Technikgeschichte David Gugerli hervorgegangen war. Zwei Historiker, ein Molekularbiologe und ein Informatiker sollten in Form von vier Gastreferaten je verschiedene Aspekte der Thematik herausarbeiten.

David Gugerli interessierte die wissenshistorische Perspektive auf Database-Management-Systeme.

Ein „offenes Kunstwerk“ verändert die Welt

Gugerli eröffnete das Symposium und machte zu Beginn klar, dass nicht die Datenströme als solches, sondern die Datenverarbeitung und gesellschaftliche Auswirkungen von Database-Management-Systems im Vordergrund des Symposiums stehen werden. Systeme wie Oracle, Microsoft SQL oder SAP prägten das Leben im 21. Jahrhundert entscheidend mit, so Gugerli. Die Systeme hätten sowohl Produktion als auch Verwaltung von Daten grundlegend verändert. Ihn fasziniere das „offene Kunstwerk“, das Ingenieure vor Jahren angelegt haben und an dem ständig weitergebaut werde. Die neuen Technologien und die damit verbundenen sozialen Dynamiken erforderten laut Gugerli jedoch auch Fragen nach den „soziotechnischen“ Bedingungen und Folgen. Das Symposium sollte deshalb dazu dienen, die aktuellen Entwicklungen aus wissenshistorischer Perspektive zu betrachten und dadurch Erklärungsansätze und neue Fragestellungen zu finden.

Aus Spuren werden Daten

Der erste Gastreferent Hans-Jörg Rheinberger, Molekularbiologe und Professor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, erläuterte seine These, nach welcher erst die Präsenz von Spuren die Generierung von neuen Daten ermögliche, anhand des Human Genome Project. In der Biologie würden stoffspezifische Spuren durch radioaktives Tracing oder wie im Fall des Human Genome Projects durch chromatographische Methoden visualisiert. Anhand dieser sichtbaren, stoffspezifischen Spuren und der daraus resultierenden Informationen könnten enorme Mengen an biologischen Daten für computergesteuerte Datenbanken generiert werden. Würden die unterschiedlichen Datensätze miteinander in Beziehung gebracht, entstünden weitere, exorbitante Datenmengen, die Wissenschaftlern dazu dienen sollen, das menschliche Genom zu entschlüsseln. Rheinberger erkannte darin eine neue Qualität von modernen Datenbanken. Sie lösen sich von ihrer reinen Verwaltungsfunktion und werden selbst zu Experimentalsystemen.

Hans Jörg Rheinberger vor den korrelierten Daten eines sequenzierten Gens.

Die Lochkarte als Schlüssel zum Database-Management

Markus Krajewski, Medienhistoriker der Bauhaus Universität Weimar, zeichnete in seinem Referat den langen Werdegang der systematisierten Datenverarbeitung nach. Dieser begann seiner Meinung nach im 16. Jahrhundert mit dem aus Bibliotheken bekannten Zettelkatalog. Damals wurden Daten zu Büchern, wie Angaben zu Autor, Titel, Jahrgang, usw., erstmals in ein graphisch vorgegebenes Raster auf den Zetteln vermerkt. Laut Krajewski handelte es sich hierbei um eine erste Formatierung im modernen Sinne, die sich während rund 300 Jahren im Bibliotheksbetrieb behauptete.

Einen zweiten Umbruch in der Evolution der Database-Management-Systems ortete Krajewski in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Archivzettel wurden mit Löchern codiert, wobei die Position der Löcher verschiedenen Suchkriterien entsprach. Zur gleichen Zeit begann auch der Siegeszug der Tabellen. Diese vereinfachten die Archivsuche zusätzlich, indem die Löcher auf der Lochkarte bestimmten Positionen in Tabellen und damit Suchkriterien zugewiesen wurden. Die Entwicklung der heutigen digitalen Database-Management-Systeme wäre ohne diese Innovationen nicht denkbar gewesen, so Krajewski. Die Geschichte gibt ihm recht: Die Tabulating Machine Company, welche die Hollerith-Lochkarte zum weltweiten Erfolg führte, ging später unter dem Namen IBM in die Computergeschichte ein.

Der Durchbruch der Tabelle als Grundlage für komplexe Datenbanken: Markus Krajewski vor dem Bild einer historische Tabelle.

„Mechanisierung um jeden Preis“

Auch Ulf Hashagen, Historiker am Deutschen Museum München, widmete sich den historischen Aspekten der Datenverwaltung. Er beschränkte sich dabei jedoch auf das Bankenwesen zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. In den goldenenen 20er-Jahren, so Hashagen, fand in Deutschland eine „Mechanisierung und Rationalisierung um jeden Preis“ statt. Diese basierte stark auf der wirtschaftsideologischen Grundlage des amerikanischen Taylorismus. Die Unternehmer kauften enorme Mengen an Büromaschinen, darunter Schreibmaschinen, Lochkartenlesegeräte und Hollerithmaschinen, in der Annahme, dass Geld und Aktien ebenso wie Massenprodukte verwaltet werden könnten. Der finanzielle Rationalisierungserfolg blieb aber weitgehend aus. Hashagen erklärte dies in erster Linie damit, dass die Bankunternehmen für dermassen weitreichende organisatorische Umstrukturierungen, die technologische Innovationen mit sich brächten, nicht bereit waren. Die Deutsche Bank zum Beispiel musste bei der Inbetriebnahme einer neuen Hollerithmaschine ihre Geschäftsstelle für ein Jahr schliessen, wobei der Chefbuchhalter aus Verzweiflung ab dem Gerät später Selbstmord beging. Der Historiker Hashagen erkennt in diesen Vorkommnissen wiederkehrende Phänomene. Auch bei der Computerisierung um jeden Preis in den 90er Jahren waren die Unternehmen den neuen Technologien vielfach nicht gewachsen – dies wirkte sich entsprechend drastisch auf den Geschäftsgang und die Mitarbeitermotivation aus.

Ulf Hashagen erläuterte historische Beispiele zum Verständnis aktueller Probleme.

Fortschritt fordert Akzeptanz

Andreas Dudler, Leiter der Informatikdienste der ETH Zürich, blies ins gleiche Horn wie Hashagen, betrachtete dabei aber die Gegenwart. Nur wenn die Fortschritte in der Technologie Hand in Hand mit Neuerungen in der Organisation laufen, könne ein Unternehmen von Innovationen profitieren. Als Beispiel für einen solchen Vorgang führte er den Entscheid der ETH-Informatikdienste an, nur die beiden Bereiche Finanzen und Personal mit dem verbreiteten Database-Management-System SAP zu verwalten. Für alle anderen Verwaltungsaufgaben war die ETH schlicht nicht dazu bereit, um innerhalb kürzester Zeit auf ein vorgefertigtes System umzusteigen. Aus diesem Grund entwickelten die Informatikdienste dafür eigene, an die Institution angepasste, Applikationen. Nur mit einer starken Akzeptanz des Managements gegenüber technologischen Neuerungen und entsprechender Weiterbildung der Mitarbeiter, sei ein Innovationserfolg schliesslich möglich, so Dudler.

Andreas Dudler erzählte von der vierzigjährigen Entwicklung eines Database-Management-Systems an der ETH.

Wer sich am vergangenen Donnerstag mit den Implikationen der exorbitant gestiegenen Datenströme der letzten Jahre, dem Internet als gewaltige Datenschleuder oder Zukunftsszenarios der demokratisierten, User-basierten Datengenerierung befassen wollte, kam an diesem Nachmittag nicht auf seine Rechnung. Vielmehr verdeutlichten die Referenten, dass bei der Implementierung von neuen Technologien in die Gesellschaft trotz allen Rationalisierungspotentialen Vorsicht geboten ist. Nur wenn die Gesellschaft mit der Technologie Schritt halten kann und die damit verbundenen Umbrüche akzeptiert, ist ein langfristiger Fortschritt möglich.

References:
(1) Zentrum Geschichte des Wissens: http://www.zgw.ethz.ch/index.html


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