www.ethlife.ethz.ch    
ETH Life - wissen was laeuft
ETH Life - wissen was laeuftETH Life - wissen was laeuftETH LifeDie taegliche Web-Zeitung der ETHETH Life - wissen was laeuft
ETH Life - wissen was laeuftETH Life - wissen was laeuft


Rubrik: Tagesberichte

ETH Zürich entwickelt Therapie-Software
Lernhilfe für Legastheniker

Published: 01.03.2007 06:00
Modified: 01.03.2007 12:21
druckbefehl
Eine Forschungsgruppe des Informatikdepartements der ETH Zürich um Professor Markus Gross hat in Zusammenarbeit mit dem Neuropsychologischen Institut der Universität Zürich ein neuartiges, computerbasiertes Therapie- und Lernkonzept für Legasthenie entwickelt. Mit dem Programm Dybuster sollen Legastheniker zukünftig auf spielerische Art weniger Fehler beim Schreiben machen. Die ersten Tests verliefen erfolgreich



Franziska Schmid/(cm (mailto:christoph.meier@sl.ethz.ch) )

Die Störung beim Erwerb der Schriftsprache, die Legasthenie, betrifft viele Personen und ist intelligenzunabhängig. So litten Tom Cruise, George Washington aber auch Albert Einstein darunter. Markus Gross kennt die Lese- und Schreibschwäche persönlich gut, da sein Sohn Legastheniker ist. "Ich habe meinen Sohn auf seinem Leidensweg begleitet und konnte dabei sein Fehler- und Lernverhalten studieren. So ist die Idee zu Dybuster entstanden", erläutert der ETH-Professor den Ursprung seines Programmes.

Spiel mit Assoziationen

Legasthenie hat meist mit einer Schwäche in der so genannten Serialwahrnehmung zu tun. Das heisst, das Gehirn ist nur begrenzt fähig, lange, zeitlich aufeinander folgende Symbolsequenzen (wie z.B. Texte) korrekt abzuspeichern. Legastheniker haben aber oft einen ausgeprägten Sinn für andere Informationskanäle und das macht sich das Programm Dybuster zu nutze (1) . Dybuster arbeitet mit Assoziationen. Ähnlich wie das Hirn „Blitz“ und „Donner“ miteinander verbindet, werden bei Dybuster Buchstaben mit Farben, Formen und Tönen kombiniert. Die Berechnung der Art und Anzahl der verwendeten Farben und Töne sowie ihre Abbildung auf die Buchstaben des deutschen Alphabetes ist das Resultat eines komplexen mathematischen Optimierungsprozesses. Ziel ist, dass Legastheniker durch die visuellen und akustischen Verknüpfungen Wörter schneller und nachhaltiger lernen. Um die Farb-Form-Buchstaben-Zuordnungen zu erlernen, stehen am Anfang zwei verschiedene Spiele zur Verfügung. Beim eigentlichen Wort-Lernspiel wird ein Wort vorgesprochen, dazu die Farben und Formen grafisch dargestellt und die Wortmelodie abgespielt. Das Wort muss dann über die Tastatur korrekt eingegeben werden.

Studie belegt Erfolg nicht nur für Legastheniker

Für die aktuelle Studie der ETH Zürich übten rund 80 Kinder zwischen 9 und 11 Jahren mit dem Dybuster. Die Hälfte der Kinder ist von Legasthenie betroffen, die Kontrollgruppe besteht aus Kindern ohne Rechtschreibschwächen. Die Kinder trainierten abwechselnd in vier Gruppen während eines Zeitraums von drei Monaten täglich ca. 15 - 20 Minuten zu Hause mit Dybuster. Vor und nach dem Trainingszeitraum schrieben alle Kinder auf Papier einen Rechtschreibtest bestehend aus 100 Wörtern, welche sie nur zur Hälfte mit dem System gelernt hatten. Die andere Hälfte wurde bewusst aus dem Wortschatz von Dybuster entfernt, um zu überprüfen, ob die Kinder auch unbekannte Wörter besser schreiben können.

Die Resultate sind verblüffend: Kinder mit Legasthenie, die mit Dybuster trainierten, machten durchschnittlich 24,7% weniger Fehler, bei den bekannten Wörtern waren es sogar über 32%. Und Dybuster ist auch bei Kindern ohne Legasthenie wirksam. Auch sie verbesserten sich um 24%. Im Vergleich dazu verbesserten sich Kinder mit Legasthenie ohne Training nur um 5.5%, Kinder ohne Legasthenie um 14%. Die Studie belegt zudem einen positiven Langzeiteffekt. Und noch etwas hat die Studie eindeutig gezeigt: die Kinder haben viel Spass beim Lernen, sind hoch motiviert und freuen sich selber über ihre sichtbaren Lernerfolge. (2)

Dybuster bald vollumfänglich verfügbar

Das Konzept von Dybuster ist altersunabhängig. Wortschatz und Wortauswahl passen sich automatisch dem Fehlerverhalten und der Altersklasse des Benutzers an. Ebenso könnte mit dem Programm die Rechtschreibung von Fremdsprachen trainiert werden. Eine Probeversion von Dybuster, die kostenlos heruntergeladen werden kann, stösst auf ein breites Interesse. 4'500 Personen haben Dybuster bereits ausprobiert und das Echo ist gemäss Projektmitarbeiter Christian Vögeli durchgehend positiv. Ende April 2007 steht die Vollversion von Dybuster zur Verfügung. Geplant ist, diese auf der eigenen Website anzubieten. Andere Vertriebskanäle werden noch geprüft.


Legasthenie

Unter der Legasthenie versteht man eine massive und lang andauernde, aber intelligenzunabhängige Störung beim Erwerb der Schriftsprache. Legastheniker haben Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen zur geschriebenen Sprache und umgekehrt. Sie verdrehen Buchstaben oder lassen diese aus, machen Regel- und Reihenfolgefehler. Obwohl alle Kinder, die Lesen und Schreiben lernen, anfänglich Fehler machen, kommt diese bei Kinder mit Legasthenie wesentlich häufiger vor und das Problem bleibt ohne fachliche Hilfe bestehen. In der Schweiz sind schätzungsweise 10% aller Kinder betroffen. Es gibt mehrere Hinweise für genetische Ursachen der Legasthenie. So haben finnische Forscher herausgefunden, dass in einigen Familien Legasthenie gehäuft auftritt. Zudem werden mindestens vier Gencluster mit der Störung assoziert.


Footnotes:
(1 Probeversion von Dybuster unter: www.dybuster.com
(2 Detaillierte Informationen zur Studie: http://graphics.ethz.ch/dybuster/


Copyright 2000-2002 by ETH - Eidgenoessische Technische Hochschule Zurich - Swiss Federal Institute of Technology Zurich
ok
!!! Dieses Dokument stammt aus dem ETH Web-Archiv und wird nicht mehr gepflegt !!!
!!! This document is stored in the ETH Web archive and is no longer maintained !!!