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Rubrik: Tagesberichte

ETH-Präsident Ernst Hafen über die ETH von morgen
Take-off für ETH 2020

Published: 27.03.2006 06:00
Modified: 25.08.2006 14:39
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ETH-Präsident Ernst Hafen hat mit „ETH 2020“ eine grundlegende Diskussion über die Ausrichtung der Hochschule angestossen. Wie sieht er die ETH von morgen? Welche Massnahmen sind nötig, um den Herausforderungen zu begegnen? Ein Gespräch nach 100 Tagen im Amt.



Interview: Martina Märki (mailto:martina.maerki@sl.ethz.ch) , Norbert Staub (mailto:norbert.staub@sl.ethz.ch)

Herr Hafen, Sie sagten kürzlich, Sie hätten viel gelernt in Ihren ersten 100 Tagen ...

Ernst Hafen: ... Ja, vor allem in Bezug auf das Funktionieren der ETH. Die Berufungen zum Beispiel sind eine ganz neue Aufgabe für mich, und der Präsident spielt diesbezüglich ja eine viel wichtigere Rolle als es an der Uni der Fall ist. Und dann trage ich heute natürlich eine viel grössere Verantwortung als noch vor 100 Tagen.

Sie haben den Zukunftsprozess „ETH 2020“ angestossen und fünf Themen bezeichnet, die sich kraftvoll entwickeln sollen. Eines dieser Themen ist die Lehre. Sie möchten die unternehmerischen Fähigkeiten der ETH-Absolventen fördern. Warum steht dieses Ziel so im Vordergrund?

Heute ist die Ausbildung in den Naturwissenschaften auf den akademischen Weg zugeschnitten. Nur: Am Ende können vielleicht zwei Prozent mit einer Professur rechnen. 2020 werden die meisten Absolventinnen und Absolventen nur kurz in ihrem angestammten Fachgebiet arbeiten und sich dann weiterentwickeln. Unsere Studierenden sollten frühzeitig erfahren, was es heisst, in einer Firma tätig zu sein oder ein Unternehmen zu gründen. Die Fähigkeiten, die sie im Studium erwerben, müssen weit über wissenschaftliches Know-how hinausgehen.

Das setzt aber tiefgreifende Veränderungen des Studiums voraus.

Ja. Wir müssen klar definieren, welches die „graduate qualities“ eines ETH-Absolventen sein sollen. Das gesamte Lehrangebot ist auf die Erfüllung dieser Kriterien hin zu überprüfen. Wir müssen Alternativen zum passiven Lernen schaffen, das immer noch dominiert. Es braucht zum Beispiel mehr Freiräume, damit die Studierenden sich Wissen selbst erarbeiten können. Und es braucht eine Neudefinition der Rolle des Professors. Er sollte die Studierenden primär für seine Themen faszinieren und ihnen dann helfen, sich Wissen selbst anzueignen.

An der ETH herrscht im Allgemeinen das Primat der Forschung. Sind alle Professorinnen und Professoren auch für die Lehre geeignet?

Ich möchte betonen: Für mich gehören Forschung und Lehre untrennbar zusammen. Beim Berufsbild Professor streben wir aber Abstufungen an. Wir denken da an die Karriere des „university lecturers“, wie man sie im angelsächsischen Raum kennt. Passionierte, begabte Dozierende – und nicht mittelmässige Forschende – sollen die Möglichkeit haben, sich hier beruflich zu spezialisieren. Wir wollen den Dozierenden konsequent Feedbacks geben und die Lehre in die Evaluation der Professoren einbeziehen. Und wir wollen gute Lehre belohnen.

Zum zweiten Schwerpunkt, der Nachwuchsförderung: Ins Auge springt der Vorschlag, dass die ETH im Jahr 2020 hundert zusätzliche Professuren haben soll.

Unser Kerngeschäft wird auch 2020 Lernen und Forschen sein. Nur werden wir uns dann viel selbstverständlicher im globalen Wissensmarkt bewegen als heute. 100 Professuren mehr verstärken primär den intellektuellen Impact der ETH. Kurzfristig aber möchte ich den Aufbau der ETH Zurich Graduate School vorantreiben.

Was bringt eine Graduate School der ETH?

Die Doktorierenden sind das Rückgrat unserer Forschung. Ich sehe die Graduate School als Schirmorganisation für die Doktorierendenprogramme der ETH. Die besten Studierenden suchen sich heute jenen Ort aus, der ihren Bedürfnissen am besten entspricht, und zwar weltweit. Um diese Studierenden herrscht heute schon ein Konkurrenzkampf. Die ETH und der Forschungsplatz Zürich haben hier zwar eine hervorragende Ausgangsposition. Rekrutieren wir jedoch wie bisher nur zufällig, vergeben wir eine grosse Chance.

Und was bietet die Graduate School den Studierenden?

Wer in eines der pro Jahr 20 bis 30 Plätze umfassenden PhD-Programme aufgenommen werden will, durchläuft einen internationalen Bewerbungsprozess. Die Teilnehmenden haben neben ihrer Dissertation im ersten Jahr ein gemeinsames Ausbildungsprogramm von vielleicht vier Wochen. Einerseits sollen Kenntnisse über das eigene Programm aufgebaut werden. Andererseits geht es darum, möglichst frühzeitig das enorm wichtige eigene Netzwerk zu knüpfen; zu erfahren, was die anderen Doktorierenden tun und was sie bewegt. Es gibt nichts Besseres, um Kreativität und Motivation zu fördern als eine solche Einbettung. Auf dem Platz Zürich spielt die Life Science Zurich Graduate School von Uni und ETH Zürich hier seit kurzem eine Pionierrolle.

Ein weiterer Punkt, die Frauenförderung: Generell 50 Prozent weibliche ETH-Angehörige, 30 Prozent Professorinnen, lautet das ambitionierte Ziel. Wie wollen Sie das erreichen?

Ganz wichtig sind die Vorbilder; wir brauchen mehr Professorinnen. Aber wir können nicht erst auf Hochschulniveau mit der Frauenförderung beginnen. Wir müssen die bisher vernachlässigte Schnittstelle zu den Gymnasien viel intensiver pflegen.

Die ETH des Jahres 2020 bewegt sich ganz selbstverständlich im globalen Wissensmarkt. Laut ETH-Präsident Ernst Hafen muss sich die ETH in Lehre, Forschung und Organisation darauf vorbereiten.

Wir wollen die Lehrkräfte regelmässig mit den neusten Entwicklungen der Wissenschaft vertraut machen und ihnen Mittel in die Hand geben, um die Schüler und speziell auch die Schülerinnen zu begeistern. Und diesen wollen wir direkte Einblicke in die Forschungswelt verschaffen. Dies zu erreichen, ist das Ziel der Learning Centers, die wir jetzt aufbauen.

Sie schlagen einen Strauss von Massnahmen vor, um die ETH für die Zukunft fit zu machen. Woher sollen die dafür nötigen Mittel kommen?

Ich sehe hier drei Stossrichtungen. Erstens den Nationalfonds. Wer wie wir den Anspruch hat, die besten Wissenschaftler zu beschäftigen, darf damit rechnen, sich hier steigern zu können. Zweitens sollen aus der Industrie wesentlich mehr Mittel zufliessen. Das grösste Potenzial sehe ich aber bei den EU-Mitteln. Die ETH hat von dort im letzten Jahr rund 16 Millionen Franken generiert. Die Schweiz zahlt aber bald 300 Millionen an die EU. Ich finde, es sollte deutlich mehr zurückfliessen. Wünschenswert wäre etwa ein Drittel. Bei der Gesuchsadministration, die viele abschreckt, wollen wir mehr Unterstützung anbieten, sodass die Forschenden sich auf den wissenschaftlichen Teil des Gesuchs beschränken können. In Sachen Fundraising ist die Schulleitung, insbesondere der Präsident, vermehrt gefordert. Wir spüren ein grosses Wohlwollen gegenüber der ETH, sie strahlt „Swissness“ aus – das ist ein enormes Potenzial.

Sie wollen auch der ETH-Kommunikation und -Kultur Impulse geben. Wo wollen Sie konkret ansetzen?

Zunächst möchte ich bei den ETH-Angehörigen den Stolz fördern, Teil dieser Hochschule zu sein. Studierende haben aufgrund des Drucks aber kaum Zeit, ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Die erwähnte Graduate School könnte als ein Mittel dienen, um dieses Klima zu schaffen. Andererseits braucht es intern einen regelmässigeren und direkteren Austausch. Die Kontakte und Erkenntnisse, wie sie innerhalb der „Visionen“-Woche der Tag der Lehre geschaffen hat, finde ich äusserst wertvoll. Zum dritten liegt mir viel an einem verstärkten, kontinuierlichen Dialog mit Politik und Gesellschaft; national und international.

„ETH 2020“ wird auch die Organisation der Schule verändern, heisst es. Wie konkret sind Ihre Pläne diesbezüglich?

Es kommen grosse Herausforderungen auf uns zu, die wir anpacken wollen. Die Schulleitung muss vor allem die Felder internationale Beziehungen und Wirtschaftskontakte stärken. Auch auf Departementsebene braucht es eine Stärkung der Führungsstruktur. Ich spreche immer von „Power to Competence“: Entscheide sollen dort gefällt werden, wo die Kompetenzen liegen. Die Verantwortlichen müssen für Strategisches freigespielt werden, damit sie effektiver an den Überlegungen und Diskussionen der Schulleitung teilhaben können.

Bei der Führungskultur an der ETH wurden kürzlich im Rahmen der Personalbefragung erhebliche Mängel festgestellt. Die Schulleitung stellte in Aussicht, hier Abhilfe zu schaffen. Wie wird sichergestellt, dass dies in den 2020-Prozess eingebaut wird?

Unsere Mitarbeitenden sind das Kapital der ETH. Wie man zusammenarbeitet und wie geführt wird, ist von entscheidender Bedeutung. Wo Mängel herrschen, müssen wir uns ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen. ETH 2020 ist ja genau darauf ausgerichtet, die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen, um solche Probleme angehen zu können – sei es, dass die Professuren administrativ entlastet werden, sei es, dass wir sie unterstützen, ihre Führungskompetenzen weiterzubilden.


ETH 2020: So geht es weiter

Noch bis zum 7. Juli haben Departemente, Infrastrukturbereiche und Hochschulgruppen die Möglichkeit, die Ziele und Massnahmen des ETH-2020-Prozesses zu diskutieren. Abgeschlossen werden diese Konsultationen mit einer schriftlichen Stellungnahme dieser Bereiche. Bis zum 7. Juli läuft auch die ETH-weite Diskussion im Weblog ETH 2020 weiter (www.eth2020.ethz.ch). Die Ergebnisse dieser Etappe sollen in die weiteren Planungsarbeiten einfliessen. Am 16. August dann wird die Schulleitung die anvisierten Ziele in einem Beschluss festhalten. In der zweiten Jahreshälfte sollen konkrete Massnahmen geplant und ein Umsetzungsprogramm erarbeitet werden.


References:
Link zum Weblog ETH 2020 : www.eth2020.ethz.ch/
Vgl. zum selben Thema den "ETH Life"-Artikel "Ihre Meinung ist gefragt!" vom 9. März 2006: www.ethlife.ethz.ch/articles/zukunftsprozessETH2020/eh2020praes.html


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