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Rubrik: Tagesberichte
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Publiziert: 08.05.2007 06:00

ETH-Forscher zum 4. UNO-Klimabericht:
Mehr unbequeme Tatsachen

Der vierte Uno-Klimabericht liefert neue Fakten zur Zukunft unserer Welt. Selbst der Hauptautor des Kapitels „Ecosystems: Properties, goods and services“, Andreas Fischlin von der Gruppe für terrestrische Ökosysteme der ETH, ist über die Erkenntnisse erschrocken. Das aber ist für ihn kein Grund, den Kopf hängen zu lassen: „Es ist schon spät, aber noch nicht zu spät!”

Peter Rüegg

Der vierte Bericht des Uno-Klimarates (IPCC) zum weltweiten Klimawandel ist wenig erfreulich, ja sogar noch düsterer als sein Vorgänger von 2001. Das Klima ändert sich, und zwar rasant. Für den ETH-Forscher Andreas Fischlin vom Institut für integrative Biologie, hauptverantwortlicher Autor des vierten Kapitels (1) der IPCC Arbeitsgruppe II, zeichnet es sich klar ab, dass der Mensch zu viel CO2 produziert und dass sich die Ökosysteme der Erde in absehbarer Zeit stark verändern werden.

Seit Beginn der Industrialisierung bis 2005 ist es weltweit durchschnittlich um 0.75 Grad Celsius wärmer geworden, in der Schweiz sogar 1.6 C. Schon eine Erwärmung um 2 C würde genügen, um in den Tallagen des Wallis’ eine Versteppung zu bewirken. Bäume können in einem solchen Klima nicht mehr gedeihen. Fischlin verweist auf das Föhrensterben, das im Wallis bereits beobachtet worden ist und möglicherweise mit dem Klimawandel zusammenhängt. Ihren Platz könnten dereinst höchstens noch kleinwüchsige Flaumeichen einnehmen – wenn überhaupt.

Das Aus für das Edelweiss?

Mit einer Erwärmung um zwei bis drei Grad gegenüber dem vorindustriellen Klima sind weltweit viele höhere Pflanzen und Tiere gefährdet, was auch Lebewesen der Alpen Mühe bereiten dürfte. So könnten zum Beispiel das Alpenschneehuhn oder das Edelweiss oder gar bis zu 30 Prozent der restlichen einheimischen Flora und Fauna zum Aussterben verurteilt sein.

Ein Punkt des neuen Berichts streicht Fischlin besonders hervor: Hält der aktuelle Ausstoss von Treibhausgasen an, wird der Klimawandel bis Ende des Jahrhunderts die Resilienz vieler Ökosysteme übersteigen. Dies deshalb, weil mehrere Faktoren in noch nie bekannter Weise zusammenspielen: Klimawandel, damit verbundene Störungen wie Flutungen, Dürren oder Insektenbefall, aber auch Landnutzungsänderungen, Umweltverschmutzung oder Übernutzung würden fatal zusammentreffen.

Feder überspannt

Die Resilienz von Ökosystemen lässt sich nämlich mit einer Feder vergleichen. Wird ein Ökosystem zum Beispiel durch eine Dürre "ausgelenkt", kann es ohne Schaden zu nehmen in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren, falls sich nach diesem Extremereignis bald wieder „normale“ Umstände einstellen und die Auslenkung innerhalb gewisser Grenzen bleibt. Übersteigt aber die Auslenkung dieses Mass, nämlich das der Resilienz, verliert die Feder auf Dauer ihre Fähigkeit, in die ursprüngliche Form zurückzukehren. Die Forscher beschreiben derartige dauerhafte Schädigungen noch in diesem Jahrhundert für eine Vielzahl von Ökosystemen bei der ungebremsten Fortsetzung der jetzigen Trends.

Ozeane immer saurer

Eine weitere neue und wichtige Erkenntnis des Klimaberichts ist die Versauerung der Ozeane. Erst wenige Wissenschaftler haben sich bislang mit diesem Phänomen als Folge des ansteigenden CO2-Gehaltes der Atmosphäre auseinandergesetzt, obwohl die grundlegende Chemie des Bikarbonatsystems bestens bekannt ist. Erst in den letzten Jahren sind hierzu einige wenige wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht worden.

Sie zeigen jedoch deutlich: Weltweit sind die Meere seit der Industrialisierung um den pH-Wert von 0.1 saurer geworden. Simulationen zeigen, dass der pH-Wert bis ins Jahr 2250 um 0.6 sinken könnte. Bereits 2100 könnte der pH-Wert so tief liegen wie seit 20 Millionen Jahren nicht mehr. „Das dürfte für Schalentiere wie Muscheln, Meeresschnecken oder Tintenfische sowie für Riff bildende Korallen fatal sein“, sagt Fischlin. Doch bevor die Forschung genauere Aussagen dazu machen könne, seien weitere Arbeiten hierzu dringend nötig.

Die Resultate der Klimaforschung der letzten Jahre bestätigen allerdings, dass der Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 90 Prozent für den bislang beobachteten Klimawandel verantwortlich ist. „Für die Bevölkerung scheint dieses Ergebnis eine Art Durchbruch zu sein“, glaubt der Forscher anhand der öffentlichen Reaktionen festzustellen.

Biosphäre wird CO2-Quelle

Der Klimawandel könnte sich zudem ohne direktes menschliches Dazutun weiter beschleunigen. Denn zurzeit wirken Landökosysteme als Senken, weil sie bei hohem Umsatz insgesamt mehr CO2 aufnehmen als sie abgeben. Doch schon ab 2030 könnte sich das entscheidend ändern, weil neueste Modellrechnungen zeigen, dass diese Aufnahmekapazität dann ihren Zenit übersteigt und zu sinken beginnt. Zusammen mit den jetzigen Trends der Landnutzungsänderungen wird danach erwartet, dass netto sogar CO2 freigesetzt wird, die Biosphäre wird zur CO2-Quelle. Bereits durch die Abschwächung der CO2-Aufnahme und natürlich später durch die Quellenwirkung würde der Klimawandel zusätzlich angekurbelt. Dieser Effekt könnte bis zu 1.2 C zusätzlich zur Erderwärmung beitragen.


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Fenster in die Zukunft für Tauchfans: Eine Korallenbleiche hat im Great Barrier Reef vor der Ostküste Australiens riffbildende Weichtiere vernichtet. (Bild: Ove Hoegh-Guldberg, University of Queensland, Australia). gross

Eine ähnlicher Rückkoppelungseffekt ist übrigens auch aus dem Meer zu befürchten. Im gleichen Zeitabschnitt laufen die Ozeane allmählich auf eine CO2-Sättigung zu, was eine merkliche Abnahme der bisherigen Senkenwirkung bedeuten würde. Bei ungehemmtem Treibhausgasausstoss würde dies zu einer merklichen Beschleunigung des Klimawandels führen.

Herkulesarbeit für den ETH-Forscher

Für das vierte Hauptkapitel hat Andreas Fischlin über 3000 Referenzen berücksichtigt, „die Literatur zum Thema ist seit dem letzten Bericht von 2001 regelrecht explodiert“, sagt er. Eingeflossen sind allerdings nur Arbeiten, die seither neu sind. Hauptziel des Berichts ist die Darstellung aller abweichenden oder neuen Erkenntnisse. Höchstens wichtige Bestätigungen früherer Erkenntnisse sind auch zu beschreiben. Vier Review-Runden musste der Bericht durchlaufen, Hunderte spezialisierte Gutachter wurden weltweit angefragt. Die Überarbeitung ergab mehr als 4000 Kommentare, von denen jeder einzelne schriftlich beantwortet, begründet und öffentlich zugänglich gemacht werden musste. Dies ermöglicht es allfälligen Kritikern zu verfolgen, wie die endgültige Fassung des Berichtes entstanden ist. Für Fischlin alles in allem eine gewaltige Arbeit, die, wie er selber sagt, vor mehr als vier Jahren begonnen, drei Jahre Schreibarbeit erforderte und ihn an den Rand der Erschöpfung gebracht habe. Der ETH-Forscher betrachtet es jedoch als Ehre, Hauptautor eines Kapitels zu sein.

Mittelweg für Politik

Der IPCC-Bericht beruht auf keinen Extremszenarien, sondern bemüht sich um wissenschaftlichen Konsens. Es werden bevorzugt diejenigen Daten und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verwendet, die robust sind und zu den Verlässlichsten gehören. „Die Aussagen des Berichts sollten deshalb von der Politik ernst genommen werden“, betont Fischlin. Insgesamt sechs Monate haben er und seine Mitautoren alleine an der Zusammenfassung für Entscheidungsträger (2) gearbeitet. Jeden Satz hätten sie sich lange überlegt. Von den Ergebnissen und Erkenntnissen des Berichts sei er selber sehr erschrocken, betroffen und sie hätten ihn nachdenklich gestimmt, sagt Andreas Fischlin. „Wenn jetzige Trends bei den Emissionen – also kein Klimaschutz – und bei den globalen Veränderungen anhalten, dann treffen die gemachten Vorhersagen mit grosser Wahrscheinlichkeit ein“, sagt der ETH-Forscher. „Ich habe aber die Hoffnung, dass wir die Emissionen noch verringern können.“

Modellrechnungen zeigen, dass global eine 80-prozentige Verringerung der CO2-Emissionen bis 2100 erforderlich sind, um schwerwiegende, negative Konsequenzen, wie sie im Bericht beschrieben sind, zu vermeiden. Für viele Industrieländer mit historisch verhältnismässig grossen Treibhausgasemissionen, worunter auch die Schweiz fällt, ist dieser Reduktionsbedarf aber höher und dürfte sogar mehr als 90% betragen. So gibt es auch Forderungen, die sogar schon bis 2050 eine Reduktion um 90% verlangen, wie dies kürzlich Al Gore anlässlich einem Hearing vor dem amerikanischen Senat gefordert hat.

Grosses Energiepotenzial im Meer

Erreicht werden könne dies durch eine bessere Energieeffizienz, vor allem bei Neubauten, sparsameren Autos, und dem Einsatz von Alternativenergien, wie zum Beispiel den oft übersehenen thermischen Meereskraftwerken OTEC – Ocean Thermal Energy Conversion (3), die den Temperaturunterschied zwischen Tiefen- und Oberflächenwasser für die Stromproduktion und der Herstellung von Wasserstoff als Energieträger ausnutzen. Praktisch alle Regierungen haben sich im Rahmen der Klimakonvention (4) dazu verpflichtet, den Klimaschutz in die Tat umzusetzen. Häufig wird in diesem Zusammenhang auf die USA mit dem Finger gezeigt, da sie das Kyoto-Protokoll der Klimakonvention nicht ratifiziert haben. Es sei in diesem Zusammenhang aber bemerkenswert, dass die US-amerikanischen Delegierten sich konstruktiv bei der Abnahme der Zusammenfassung für Politiker beteiligt haben. Was die schweizerische Klimapolitik betrifft, sso hat sie nach Fischlins Einschätzung aber in den letzten beiden Jahren durch zögerliches Entscheiden im Zusammenhang mit der CO2-Abgabe wichtige Zeit verloren und damit vermutlich schon grosse Chancen für die schweizerische Industrie vertan. Der Bundesrat plant nun im Herbst die langfristige Klimapolitik, insbesondere für die Zeit nach dem jetzigen Kyoto-Protokoll nach 2012, festzulegen. „Damit muss er den Weg weisen in eine lebenswerte Zukunft, insbesondere für unsere Kinder und Enkel“, fordert der engagierte Forscher.


Fussnoten:
(1) Fischlin, A. & Midgley, G.F., 2007. Ecosystems, their properties, goods and services. In: Parry, M., Canziani, O. & Palutikof, J. (eds.), Climate change 2007 - Impacts, adaptation and vulnerability. Contribution of Working Group II to the Assessment Report Four of the Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC). Cambridge University Press, Cambridge, UK, p. 102 (in prep.).
(2) Zusammenfassung für Politiker: www.ipcc.ch/SPM13apr07.pdf
(3) Infos über OTEC: http://deutschland.eco-energy.info/asp/index.asp?uc=&k=7531 bzw. http://en.wikipedia.org/wiki/Ocean_thermal_energy_conversion
(4) United Nations Framework Convention on Climate Change: www.unfccc.int



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